14.06.2026

Die Leiden des jungen Schwulen. Wer und was wird es sein? Wahlverwandten, Wahlfamilie und Wahlheimat.



 

1993 fand ich mich in einem Dschungel wieder, von dem ich gar nicht wusste, dass er einer war: Rotterdam. Für ein Auslandssemester hatte ich ein Zimmer in einer Studenten-WG gefunden, die neben einer Brotfabrik im Hafen der Stadt lag.

Wolkenkratzer haben hier eine echte Bedeutung und Quantität – aber zu meiner Überraschung war das gar nicht der Dschungel. Auch die Luft war zwar anders als in der Heimat. Zumindest roch sie anders: nach Öl vom Hafen, Salz vom Meer und Sirup aus der Brotfabrik. Aber auch das war nicht der Dschungel.


Von vielen Reisen kannte ich aus der Heimat zwar die Kultur der Niederlande, aber erst jetzt verstand ich den Satz: „In Rotterdam verdient man sein Geld, in Amsterdam gibt man es aus und in Den Haag zahlt man seine Steuern."

Die kulturelle Seite Rotterdams war mir bisher unbekannt. Hier gab es andere Regeln und andere Werte – zumindest solche, wie ich sie aus Köln und meinen Reisen kannte.


Ohne Niederländisch zu sprechen und ohne jemanden in der Stadt zu kennen, war ich gezwungen, das zu tun, was ich die „3 Ws" nenne. Jeder schwule Mann muss sich in seinem Leben entscheiden, was die 3 Ws für ihn sein sollen:


Wer seine Wahlverwandten sind! 

Wer seine Wahlfamilie ist! 

Und WAS seine Wahlheimat ist!


Die Sozialisierung eines schwulen Manns ist wie das Leben in Kalifornien: Das bisherige Leben kann mit einem Schlag vernichtet sein, sobald DAS große Erdbeben kommt. Im Leben eines schwulen Mannes ist das Ergebnis sein Coming Out. Wenn es schlecht läuft, sind Freunde und Familie – ja, vielleicht sogar die ganze Heimat (Dorf, etc.) – auf einen Schlag weg.

Diese Angst oder reale Möglichkeit zwingt einen schwulen Mann in seiner Sozialisierung, sich genau für diesen Fall vorzubereiten – sei es bewusst oder unbewusst, sei es prophylaktisch vor dem Coming Out oder postum nach dem Beben.

So oder so: Er kommt nicht dran vorbei. Als ich 1993 in Rotterdam ankam, hatte ich meine Freunde schon gewählt (Wahlverwandten). Sie wollten mich – nicht trotz, sondern weil ich schwul bin. Meine Wahlfamilie als innerer Kern dieser Freundschaften hatte ich aus dem gemeinsamen Erleben des Lebens gebildet; sie war nicht auf Blut gebaut.


Aber meine Wahlheimat hatte ich mir noch nicht ausgewählt. Und das tat ich dann in meiner ersten Woche in Rotterdam. Es war die „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist". Weder Niederländisch, noch Deutsch, noch Englisch. Unter anderem wurde die Sprache von Brahms gesprochen. Genauer gesagt: seine 3. Symphony in F major, Op. 90, 3. Satz. Denn ich traf die bewusste Entscheidung, wo ich Heimat finde: Nämlich dort, wo ich nie ein Fremder bin – wo ich immer die Sprache und Gebräuche kenne, wo meine Lieblingsspeisen herkommen und mein Humor sich speist, wo ich immer zurück kann und wo mich kein Erdbeben mir nehmen kann. Kurz: wo ich mich wohl und sicher fühle. In der Kunst.


Und diese bewusste Entscheidung für die Kunst als Wahlheimat wurde mir in all ihrer Konsequenz, Wärme und Stärke in der Philharmonie von Rotterdam klar – während des dritten Satzes der Symphony. In diesen ersten Wochen in Rotterdam wuchs und stärkte sich meine Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" immer mehr. Aus dem Manko, die Sprache nicht zu sprechen und nicht zur Kultur zu gehören, entstand meine Wahlheimat, wo das alles kein Problem war. Nicht nur in der klassischen Musik, sondern auch in der modernen Kunst, wie sie in der Kunsthal Rotterdam gezeigt wurde. Die Halle hat – zusätzlich zu dem Vorteil der Kunst in der Halle – einen großen Skulpturenpark, in dem ich nachts meine Definition der Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" hautnah entdecken und erleben konnte.


Als weiteres Dorf meiner Wahlheimat habe ich viele Choreografien der zeitgenössischen Tanzkompanie, der modernen Ballettkompanie INTRODANCE, gesehen. Mein Zugang zu diesem Dorf. Nach dem Auslandssemester war ich aus Gründen der Liebe lange in Amsterdam und verliebte mich zusätzlich in die Choreografien der beiden „Haus-Choreografen" Hans van Manen und Jiří Kylián. Beide haben mir quasi mit ihren Stücken eine Masterclass gegeben – worum es im modernen Ballett geht.


Und genau jetzt (2026) hat Kylián drei seiner Stücke noch einmal in Essen gezeigt. Das beiliegende Video zeigt Ausschnitte daraus. Damit wird vielleicht auch jetzt für dich, lieber Leser/liebe Leserin, klar, warum ich ganz oben im Text geschrieben habe: „WAS seine Wahlheimat ist" – anstatt „WO".


Denn dieses Stück Heimat in Form seiner Choreografien muss ich nicht in Rotterdam oder Amsterdam sehen. Noch nicht mal in Köln. Der Ort – hier Essen – ist irrelevant. Weil Heimat keine Zeit kennt. Weil Heimat, genauso wie Kunst, im Endeffekt ein Gefühl ist – und Gefühle sind jenseits von Zeit und Raum.


Und dieses wunderbare Gefühl, wieder einmal in der Heimat zu sein während dieses Ballettabends in Essen, hat mir einmal mehr in Erinnerung gerufen, was all diese drei Wahlentscheidungen gemeinsam haben: Sie basieren auf Anziehung von Menschen und Kunst. Ich fühle mich angezogen – und werde angezogen.


Wolfgang Goethe hat sich in seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften" nicht dem Versuch gestellt, einen Liebesroman zu schreiben. Sondern er wollte die Regeln der Wissenschaft auf die Liebe und damit auf die Literatur übertragen. Goethe überträgt die Chemie auf menschliche Beziehungen im Roman „Die Wahlverwandtschaften" (1809) durch das chemische Affinitätsgesetz von Torbern Bergman (attractio selectiva = „Wahlverwandtschaft").

„Goethe verwendet die Chemie als Gleichnis für Liebe und Ehe: Wenn zwischen Menschen die ‚Chemie stimmt', bedeutet das eine unwillkürlich und bewusstlos wirksame Anziehungskraft des gegenseitig sympathisierenden Gesamtnaturells. Diese Anziehung ist weder auf Blutsverwandtschaft (gemeinsame Abkunft) noch auf bürgerliche Verwandtschaft (Eheschließung) zurückzuführen, sondern beruht rein auf physisch-psychischer Sympathie."

Der Roman zeigt damit die Verflechtung von Poesie und Wissenschaft: Die chemische Lehre der Affinität der Elemente wird auf das menschliche Leben übertragen und am Beispiel der zwischenmenschlichen Beziehungen erweitert.


Das ist das Grundprinzip der 3 Ws.


Doch auch wenn ein schwuler Mann voll sozialisiert ist, alle drei Wahlen getroffen hat und sichtbar in der Gesellschaft steht – ist der Kampf noch nicht gewonnen. Der Platz in der Gesellschaft ist nicht gefestigt. Sichtbarkeit ist zwar erreicht, aber das ist – zu unser aller Überraschung – nicht das Paradies.


Heute muss ich anerkennen: Sichtbarkeit ist die Bringschuld von mir als schwulen Mann und meiner Community. Aber die Holschuld, die wir heute haben – die ich heute habe – ist es, dass die heutigen Errungenschaften der Sichtbarkeit nicht von der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, die zurück zur Homophobie geht, aufgefressen werden.


Das Argument, dass die heutige Sichtbarkeit kein Recht mehr ist oder sogar ein Vorteil, sondern eine Gefahr, wird hervorragend durch „Tip Toe", eine britische TV-Miniserie aus dem Jahr 2026 auf Channel 4, dargestellt. (Und damit ist auch das nächste Dorf meiner Wahlheimat beschrieben: Film und TV.)


Wenn diese Gefahr wahr wird und es erneut zu einem „Erdbeben" kommt – diesmal nicht in der Familie, sondern in der Gesellschaft – dann wird meine Heimat, wie ich sie verstehe, immer überleben.


Eine Heimat, die aus der Angst und der Möglichkeit von Erdbeben entstanden ist. Bei mir war es bisher immer nur die Angst vor dem Erdbeben. Die Möglichkeit, dass es Realität wird, ist bisher nicht eingetreten – bei vielen aber leider schon. Und es werden wieder mehr.


„Kunst als Heimat" kann unsere Gemeinsamkeit sein. Und sie war es bisher in jedem Land, in dem ich war. Es gab immer Dörfer der Heimat zu besuchen: Dörfer der klassischen Musik und des Balletts, Dörfer der Oper, Dörfer des Films und des TV, Dörfer der Malerei und der Skulpturen.


Heimat. Gegründet 1993. Gefühlt 2026.


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