Waagen werden geeicht.
Uhren gestellt.
Messer geschärft.
Und ich fliege nach Wien.
Als westlichste Stadt des Ostens, ist Wien viel mehr Ostblock als Prag,
Warschau und sonstige Städte.
Als verwöhnte Hard-Core-Reisetucke, habe ich ja schon viel gesehen und
mir auch sonst viel Mühe gegeben. Und dann komme ich nach Wien!
Aus dem Licht, ins Dunkel.
Aus dem Rokoko in den Klassizismus.
Aus dem blühenden Garten, auf den Acker.
Und nach zwei Tagen ist mann dankbar.
Für Menschen die sich mühe geben.
Für Männer die zu mindestens in Frage kommen.
Für Sex der wenigstens ansatzweise Hauptstadt-Charakter hat.
Gut es gibt die Kunst. Wien hat ja sonst keine Bodenschätze. Und das Museumsquartier ist schon eins der schönsten Museumslandschaften.
Gut das Cafe Berg gefällt mir schon sehr gut. Kaffeehaus-Kultur ist halt auch Kultur.
Aber dann am Samstag Abend im Chains,.. pardon Lo:sch.
Das Lo:sch hatte Geburtstag. Fünf Jahre. 200 Mann aus Wien, Kärnten, Graz und Slowenien.
Alleine schon die Adresse: Fünfhausgasse. Es ist im Keller eines Hetero-Puffs im 7. Bezirk. Knapp hinter einem Luftschutz-Flackturm der
aus dem WK II.
Als wir aus dem Taxi gestiegen sind, haben die Mädels gerade ihre gewerkschaftliche Pause gemacht. Und ihrer Titten zum lüften aus dem Fenster hängen gelassen. Die Begrüßung als wir aus dem Taxi in Gummi, Army, Leder und sonst wie stiegen, kannst Du Dir ja vorstellen....
Ok Walter - mein Gastgeber - ist Architekt. Und als Schatten-Präsidentin des LMC Vienna hat er denn Keller auf strickte Funktionalität getrimmt.
Aber die Absonderlichkeiten hatte ich mir eigentlich im Naturhistorischen Museum ansehen wollen. Aber nicht lebend. Und nicht Samstag Nacht. Wobei man schon sagen kann das das Natur- und das
Kunsthistorische Museum wunderschön ist in Wien.
Als sorgsamer Gastgeber hatte Walter zur Vorbereitung des Abends ein Dinner gegeben. Ein Österreichisches, Slowenisches, Spanisches und Bundesdeutsches Dinner zu Acht.
Gut das wir alle schwul sind und nicht in vier Sprachen über das Wetter sprechen mussten. Sondern natürlich über Sex. Und glaub bloß nicht das ich mich verzählt habe. Das Wienerisch an für sich und im besonderen.... ist ..... besonders...
Nach dem Kostümball im Lo:sch im Hinterhof-Sissi-Ballkeller, sind wir noch ins Nightshift.
Das ist so wie das Chains am Freitag. Also Schulz-Jugendgruppen, Lycra-T-Shirts und Lo:Sch-Enttäuschte.
In jeder Stadt der Welt spotten wir ja gern über die Barmänner. Wien hat da was besonders zu bieten. Im Nightshift ist es Regi.
69,175,124,w.
Also 69 Jahre alte, 175 cm groß, 124 Kilo leicht und eine ECHTE Frau. Obwohl sie butcher ist, als alle Kerle zusammen.
Wir sind um 4 Uhr dort eingefallen. Im Lo:sch MUSSTE ich schließlich trinken. Und im Obstsalat vom Dinner war mehr Schnaps, als ich je in meinem Leben getrunken hatte.
Da fiel es mir auf das ich Alexander schon mehr als 12 Jahre kannte. Alexander ist der andere Freund denn ich in Wien besuche.
Und kaum waren es 5 Uhr hatte ich schon einen neuen Freund.
Für 30 Minuten.
Anyway, wie die Waage gehe ich jetzt wieder genauer. Wie die Uhr bin ich exakt. Wie das Messer wieder scharf.
Danke Wien.
Jetzt bin ich für Köln wieder bereit.
Dieser Blog ist voller Berichte von Reisen in Städte und Länder die ich mir erobert habe. Oft auch Reise an Orte in meiner Innerlichkeit oder Kinofilme. Sie sind immer meine Sicht: die Sicht eines schwulen Mannes. Sie bewegen sich immer in dem Dreieck aus Menschen, Kultur und Sex. Sarkastisch, ironisch, genau beobachtend und verletzend ehrlich zu mir selber und anderen. Um meine Sichtweise zu verdeutlichen schreibe ich ein „man“ immer als „Mann“. Rechtschreibfehler darfst du behalten. Morecgn
02.09.2003
Waagen werden geeicht. (4. Reisebericht aus Wien)
01.09.2003
Museums - Toiletten. (3. Reisebeicht aus Wien)
Oder eröffnet eine neue Perspektive.
Die Albertina in Wien hat meine Sehnsucht nach Paris erneut entfacht.
Sie zeigt, Monsieur Brassai. Fotografien aus dem Buch „Paris de Nuit“. Fotografien aus den 30’ern. Fotografien nur mit Magnesium-Blitze „gemalt“.
Jenseits des Kitsches und der Romantik eines Robert Doisneau.
Brassai hat in Paris nur bei Nacht gelebt. Und nur nachts fotografiert.
Und so sind seine Bilder voller Menschen der Nacht: Nutten, Halunken, Clochards, Nachteulen, Verliebte.

Die Ausstellung ist im Keller der Albertina. Modern. Sachlich. Funktionell. Doch trotzdem warm.
Man erreicht sie nur durch eine sehr lange und steile Rolltreppe. Die durch eine Röhre geht. Die Wände der Röhre, könnten auch die Wände des Hallodecks der Enterprise sein. Graues Glas, von hinten beleuchtet. Und so wird das Absteigen in die Bilder wörtlich. Wie ein Grubenbauer „fahre ich ein“, in die Kunst der modernen Fotografie.


Als ich meine Augen vom Boden wand und zur Toilette schritt, musste ich wieder in den Keller. Und als Majestät auf dem Thron, viel mir auf, das die modernsten und schönsten Toiletten in Museen sind.
Das Guggenheim in Berlin mit Chrom.
Der Erweiterungsbau des Van Gogh in Amsterdam mit der Dunkelheit.
Nein. Zufälle sind immer noch besser.
31.08.2003
Herbst! (2. Reisebeicht aus Wien)
Herbst !
Welche Stadt sollte besser geeignet sein, um den Herbst willkommen zu heißen?
Und die folgenden drei Monate lehrten mich einen großen Sieg. Der Sieg war das Ergebnis, von dem, was die letzten 6 Jahre mir alle als Schwäche verkaufen wollten:
Die Gräfin. (1. Reisebericht aus Wien)
Es war einmal die türkische Gesandtschaft. Als Prinz Eugen die Türken vor Wien geschlagen hatte, bekamm er dieses Haus geschenkt. Die Dankbarkeit des Kaisers kam dem Prinzen zu pass. Nicht nur war die Gesandtschaft ein schmuckes Stadthaus, unweit vom Stephans Dom. Ein Steinwurf vom Graben weg, Wiens erster Adresse. Nein, als türkisches Haus hatte es auch eine Sauna. Und als schwuler Mann, ließ sich so was ja gut nutzen.
Doch kommt mann irgendwie auf verschlungenen Pfaden in die 2. Etage des Kellers. Und findet das Gewölbe der Gesandtschaft. Im Stil fast gotisch. Original. Mosaike im wunderschönen maurischen Stil an den Wänden. Acht Säulen halten die Decke und schenken den Besuchern Nischen und Höhlen. Zwischen den Säulen hingen Leuchten aus dem Jungendstil. Überhaupt das Licht. Es lässt die Sauna, Sauna sein.