Posts mit dem Label Reise in mein Inneres. werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reise in mein Inneres. werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

14.06.2026

Die Leiden des jungen Schwulen. Wer und was wird es sein? Wahlverwandten, Wahlfamilie und Wahlheimat.





1993 fand ich mich in einem Dschungel wieder, von dem ich gar nicht wusste, dass er einer war: Rotterdam. Für ein Auslandssemester hatte ich ein Zimmer in einer Studenten-WG gefunden, die neben einer Brotfabrik im Hafen der Stadt lag.

Wolkenkratzer haben hier eine echte Bedeutung und Quantität – aber zu meiner Überraschung war das gar nicht der Dschungel. Auch die Luft war zwar anders als in der Heimat. Zumindest roch sie anders: nach Öl vom Hafen, Salz vom Meer und Sirup aus der Brotfabrik. Aber auch das war nicht der Dschungel.


Von vielen Reisen kannte ich aus der Heimat zwar die Kultur der Niederlande, aber erst jetzt verstand ich den Satz: „In Rotterdam verdient man sein Geld, in Amsterdam gibt man es aus und in Den Haag zahlt man seine Steuern."

Die kulturelle Seite Rotterdams war mir bisher unbekannt. Hier gab es andere Regeln und andere Werte – zumindest solche, wie ich sie aus Köln und meinen Reisen kannte.


Ohne Niederländisch zu sprechen und ohne jemanden in der Stadt zu kennen, war ich gezwungen, das zu tun, was ich die „3 Ws" nenne. Jeder schwule Mann muss sich in seinem Leben entscheiden, was die 3 Ws für ihn sein sollen:


  • Wer seine Wahlverwandten sind! 
  • Wer seine Wahlfamilie ist! 
  • Und WAS seine Wahlheimat ist!




Die Sozialisierung eines schwulen Manns ist wie das Leben in Kalifornien: Das bisherige Leben kann mit einem Schlag vernichtet sein, sobald DAS große Erdbeben kommt. Im Leben eines schwulen Mannes ist das Ergebnis sein Coming Out. Wenn es schlecht läuft, sind Freunde und Familie – ja, vielleicht sogar die ganze Heimat (Dorf, etc.) – auf einen Schlag weg.


Diese Angst oder reale Möglichkeit zwingt einen schwulen Mann in seiner Sozialisierung, sich genau für diesen Fall vorzubereiten – sei es bewusst oder unbewusst, sei es prophylaktisch vor dem Coming Out oder postum nach dem Beben.


So oder so: Er kommt nicht dran vorbei. Als ich 1993 in Rotterdam ankam, hatte ich meine Freunde schon gewählt (Wahlverwandten). Sie wollten mich – nicht trotz, sondern weil ich schwul bin. Meine Wahlfamilie als innerer Kern dieser Freundschaften hatte ich aus dem gemeinsamen Erleben des Lebens gebildet; sie war nicht auf Blut gebaut.


Aber meine Wahlheimat hatte ich mir noch nicht ausgewählt. Und das tat ich dann in meiner ersten Woche in Rotterdam. Es war die „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist". Weder Niederländisch, noch Deutsch, noch Englisch. Unter anderem wurde die Sprache von Brahms gesprochen. Genauer gesagt: seine 3. Symphony in F major, Op. 90, 3. Satz. Denn ich traf die bewusste Entscheidung, wo ich Heimat finde: Nämlich dort, wo ich nie ein Fremder bin – wo ich immer die Sprache und Gebräuche kenne, wo meine Lieblingsspeisen herkommen und mein Humor sich speist, wo ich immer zurück kann und wo mich kein Erdbeben mir nehmen kann. Kurz: wo ich mich wohl und sicher fühle. In der Kunst.


Und diese bewusste Entscheidung für die Kunst als Wahlheimat wurde mir in all ihrer Konsequenz, Wärme und Stärke in der Philharmonie von Rotterdam klar – während des dritten Satzes der Symphony. In diesen ersten Wochen in Rotterdam wuchs und stärkte sich meine Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" immer mehr. Aus dem Manko, die Sprache nicht zu sprechen und nicht zur Kultur zu gehören, entstand meine Wahlheimat, wo das alles kein Problem war. Nicht nur in der klassischen Musik, sondern auch in der modernen Kunst, wie sie in der Kunsthal Rotterdam gezeigt wurde. Die Halle hat – zusätzlich zu dem Vorteil der Kunst in der Halle – einen großen Skulpturenpark, in dem ich nachts meine Definition der Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" hautnah entdecken und erleben konnte.




Als weiteres Dorf meiner Wahlheimat habe ich viele Choreografien der zeitgenössischen Tanzkompanie, der modernen Ballettkompanie INTRODANCE, gesehen. Mein Zugang zu diesem Dorf. Nach dem Auslandssemester war ich aus Gründen der Liebe lange in Amsterdam und verliebte mich zusätzlich in die Choreografien der beiden „Haus-Choreografen" Hans van Manen und Jiří Kylián. Beide haben mir quasi mit ihren Stücken eine Masterclass gegeben – worum es im modernen Ballett geht.


Und genau jetzt (2026) hat Kylián drei seiner Stücke noch einmal in Essen gezeigt. Das beiliegenden Videos zeigen Ausschnitte daraus. Damit wird vielleicht auch jetzt für dich, lieber Leser/liebe Leserin, klar, warum ich ganz oben im Text geschrieben habe: „WAS seine Wahlheimat ist" – anstatt „WO".





Denn dieses Stück Heimat in Form seiner Choreografien muss ich nicht in Rotterdam oder Amsterdam sehen. Noch nicht mal in Köln. Der Ort – hier Essen – ist irrelevant. Weil Heimat keine Zeit kennt. Weil Heimat, genauso wie Kunst, im Endeffekt ein Gefühl ist – und Gefühle sind jenseits von Zeit und Raum.


Und dieses wunderbare Gefühl, wieder einmal in der Heimat zu sein während dieses Ballettabends in Essen, hat mir einmal mehr in Erinnerung gerufen, was all diese drei Wahlentscheidungen gemeinsam haben: Sie basieren auf Anziehung von Menschen und Kunst. Ich fühle mich angezogen – und werde angezogen.





Wolfgang Goethe hat sich in seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften" nicht dem Versuch gestellt, einen Liebesroman zu schreiben. Sondern er wollte die Regeln der Wissenschaft auf die Liebe und damit auf die Literatur übertragen. Goethe überträgt die Chemie auf menschliche Beziehungen im Roman „Die Wahlverwandtschaften" (1809) durch das chemische Affinitätsgesetz von Torbern Bergman (attractio selectiva = „Wahlverwandtschaft").

 „Goethe verwendet die Chemie als Gleichnis für Liebe und Ehe: Wenn zwischen Menschen die ‚Chemie stimmt', bedeutet das eine unwillkürlich und bewusstlos wirksame Anziehungskraft des gegenseitig sympathisierenden Gesamtnaturells. Diese Anziehung ist weder auf Blutsverwandtschaft (gemeinsame Abkunft) noch auf bürgerliche Verwandtschaft (Eheschließung) zurückzuführen, sondern beruht rein auf physisch-psychischer Sympathie."

Der Roman zeigt damit die Verflechtung von Poesie und Wissenschaft: Die chemische Lehre der Affinität der Elemente wird auf das menschliche Leben übertragen und am Beispiel der zwischenmenschlichen Beziehungen erweitert.


Das ist das Grundprinzip der 3 Ws.


Doch auch wenn ein schwuler Mann voll sozialisiert ist, alle drei Wahlen getroffen hat und sichtbar in der Gesellschaft steht – ist der Kampf noch nicht gewonnen. Der Platz in der Gesellschaft ist nicht gefestigt. Sichtbarkeit ist zwar erreicht, aber das ist – zu unser aller Überraschung – nicht das Paradies.


Heute muss ich anerkennen: Sichtbarkeit ist die Bringschuld von mir als schwulen Mann und meiner Community. Aber die Holschuld, die wir heute haben – die ich heute habe – ist es, dass die heutigen Errungenschaften der Sichtbarkeit nicht von der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, die zurück zur Homophobie geht, aufgefressen werden.





Das Argument, dass die heutige Sichtbarkeit kein Recht mehr ist oder sogar ein Vorteil, sondern eine Gefahr, wird hervorragend durch „Tip Toe", eine britische TV-Mini Serie aus dem  Jahr 2026 auf Channel 4, dargestellt. (Und damit ist auch das nächste Dorf meiner Wahlheimat beschrieben: Film und TV.)


Wenn diese Gefahr wahr wird und es erneut zu einem „Erdbeben" kommt – diesmal nicht in der Familie, sondern in der Gesellschaft – dann wird meine Heimat, wie ich sie verstehe, immer überleben.


Eine Heimat, die aus der Angst und der Möglichkeit von Erdbeben entstanden ist. Bei mir war es bisher immer nur die Angst vor dem Erdbeben. Die Möglichkeit, dass es Realität wird, ist bisher nicht eingetreten – bei vielen aber leider schon. Und es werden wieder mehr.


„Kunst als Heimat" kann unsere Gemeinsamkeit sein. Und sie war es bisher in jedem Land, in dem ich war. Es gab immer Dörfer der Heimat zu besuchen: Dörfer der klassischen Musik und des Balletts, Dörfer der Oper, Dörfer des Films und des TV, Dörfer der Malerei und der Skulpturen. Und Dörfer die noch zu entdecken sind. 


Heimat. Gegründet 1993. Gefühlt 2026.











29.03.2024

Was es bedeutet spirituell zu denken. Teil 1. „Das Lied von der Erde“





„Das Lied von der Erde“ das sind 6 „Lieder“ von Gustav Mahler. Sie sind irgendetwas zwischen einem Lieder-Zyklus und einer Symphonie.


Aus eigener tiefer Emotionalität beschäftig sich hier Mahler mit seiner eigenen Sterblichkeit und der Frage nach dem DANACH. Er hatte gerade sein Tocher verloren und eine Herzkrankheit diagnostiziert bekommen, an der er auch später tatsächlich gestoben ist. 


In diesem Video schafft LENNY BERNSTEIN schafft es,  den Text mit der Musik und der Philosophie und der Psychologie und der Spiritualität zu vereinen und uns verständlich und emotional zu vermitteln.


Er erklärt die 6 Lieder und ihre Bedeutung. Füht uns ein in die Hauptthemen der Lieder: Intoxikation, Sterblichkeit, Selbst-Narkotisieren. All das haben dieser Lieder von Gustav Mahler als Thema. Ein Thema das uns lehrt was es bedeutet, dies als „Way of living with reality“ anzunehmen oder mindestens anzuerkennen.


Ganz nebenbei hat das Stück auch die Dualität zwischen Männlich und Weiblich indirekt zum Thema.  Nicht als Geschlecht, sondern als Attitüde. Die ersten drei Lieder sind als Tenor dem Zerstörenden, dem Kämpfenden bzw der Autorität vereinenden, Attitüde gewidmet.  


Während die letzten drei Lieder dem Heilenden, Zusammenführenden und verbinden gewidmet sind.


Was hat das alles mit dir zu tun? Was hat das alles mit mir zu tun?


Mahler schenkt uns hier seine Perspektive was es heisst mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen im hier und jetzt. Sowie wie der Übergang vom Sein ins Nichts bedeutet. Und Bernstein erklärt in Worten was uns die Musik schon auf viel tieferer Ebene geschenkt hat. 


Und das alles als Musikalische Spiritualität. Da lohnt es sich hinzuhören. Das letzte Lied mit seinen 30 min und natürlich das meditative Ende des letzten Liedes ist ein Lehrer all dessen, die es als Mensch oder sollte ich Guru sagen, so kaum gibt. 

 

  • Lost of ego
  • Merging with the cosmos
  • Lost of personal identity and thereby gaining of total identity 
  • All and the nothing being equal 


All dieses Punkte sind laut Bernstein seine Bestätigung der Östlichen Philosophie und Spiritualität. Und Kennzeichen des Übergangs via des eigenen Todes als Synonym für Ewigkeit.


Gerhard Richter. Für mich ein Bild vom ihm , indem für mich der Kosmus und damit die  Ewigkeit gezeigt wird.


Wenn ich in der Headline von dem „Spiritualität Teil 1“ spreche, dann meine ich dieses Bild von Mahler und Bernstein zum Übergang ins Unendliche. Und dem unsäglichen Trost der darin liebt. Aber ich meine auch den Auftrag im Leben diese 4 Teile bereits im Leben Raum zu geben. Also seinem Ego zu bekämpfen und sich als Teil des Ganzen zu verstehen.


Gerhard Richter. Für mich ein Bild vom ihm , indem für mich der Kosmus und damit die  Ewigkeit gezeigt wird.



Während „Spiritualität Teil 1“ sich mit dem Sein und dem Nicht Sein beschäftig. Wird Teil 2 sich damit beschäftigen was man dann so tun kann, mit dem Sein. Während mir Mahler mit Musik im Teil 1 hilft. Wird im Teil 2 Friedrich Schiller und der Film „All of us strangers“ helfen.






Die letzten Minuten des letzten Liedes „Der Abschied“ von Gustav Mahler‘s „Das Lied von der Erde“ hat folgende Worte:



Da wo die Musik die Worte Ewig trifft, beginnt die Ewigkeit.

Die liebe Erde allüberall

Blüht auf im Lenz und grünt

Aufs neu! Allüberall und ewig

Blauen licht die Fernen!

Ewig... ewig... ewig….. ewig…









04.11.2023

Sascha‘s Liebestod.


„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“. Die Älteren unter euch kennen das noch als Schlager.

Hier ist es der Name für den Zug aus diesem Film. Natürlich geht es um Kunst und Sex. Man kann sagen was „Sex in the City“ war,  jetzt als „Sex im Museum“. Statt Manhatten ist es halt mein Leben. Der Film dazu ist schon zu sehen: Deep Gold, 2013/2014 | Julian Rosefeldt


https://www.julianrosefeldt.com/film-and-video-works/deep_gold/



Bitte, bitte schaue Dir erst den Film an. Und lese dann meinen Post. 




Wer genau hinsieht, weiss das der Name des Zuges Programm ist. Hauptdarsteller sind: Dali, Wagner, Babylon, Sex und ich. 


Kunst war schon immer eine Sirene, die mich zur Wirklichkeit gezogen hat. Aber in der Kunst gibt es keine Wahrheit. Nur Wahrhaftigkeit. 


Sexualität ist für mich der Ort, wo Realität, das Wissen um die Innere Dynamik und das eigene Unbewusste zusammen kommen. 

  • Daher glaube ich keinem Menschen, der seine Sexualität verleugnet. 
  • Und anders ausgedrückt: nur in der Sexualität kann ich mir sicher sein, wahrhaftig zu sein bzw. das der andere Wahrhaftig ist. 



Der Surrealismus und ich haben diese Definitionen gemeinsam und jeweils als Ausgangspunkt.


In Fall dieses Kunstfilms ist das mit der Sirene ernst gemeint. Ich war zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie in einer Ausstellung und hörte von weitem wie diese Worte lieblich gesungen wurden: „Mild und leise wie er lächelt“. Und die Musik vom Richard Warner’s Liebestod im Tristan zog mich unweigerlich in eine graue Kiste, die im Gegensatz zu dem Wändelosen Keller der Nationalgalerie eine Art Intimität vorgaukelt. Das Licht und die Musik erfüllt den ganzen Keller


Und da stehe ich dann, wie eine kleiner Junge im Zuckerschock nach seinem ersten Nutella Brot, vor dem Vorhang dieser Box, aus der diese Worte und diese Musik kommt.





Mies van der Rohe hat als Architekt dieses Museums das Basements des Hauses als Hauptraum so gestaltet, das Licht und Ton durch das Basement geht, als wäre es ein Raum. Diese Transparenz und Helligkeit wird durchbrochen von einem Kunstfilm der halt nicht wie ein Gemälde an der Wand hängt. Hastig zusammengezimmerte Sperrholzwände mit einem Vorhang als Eingang geben einem die Illusion eines Kinos. 


Für all die anderen Besucher in dieser Kathedrale der Modernen Kunst, hatte die Graue Box die Funktion ein Art Scharm zu verdecken. Eine Scham über den Inhaltes des Kunstfilms, der dort gezeigt wird.


Vielleicht weil all die anderen Besucher ein Panoptikum aus Berlin Reisenden, Lehrerinnen und anderen Heterosexuellen Wesen sind. Für sie brauchte es diese Graue Box um die Scharm zu verdecken, der dieser Kunstfilm zeigte. 





Ich trete mit grosser Verzückung durch diesen Vorhang und ich weiss bereits in diesem Moment, das mich hinter diesem Vorhang nicht die Scharm erwartet, sondern die Intimität. Die Intimität zu mir selber. 



Zu meiner innern Wahrheit, also zur Wahrhaftigkeit. Das ist mein  ultimative Ausdruck für Intimität. Sex und Kunst kann man sagen sind meine Wahrhaftigkeit.




Was hat das mit Surrealismus zu tun? 


Sie ist nicht eine besondere Form der Fantasie, sondern ein besonderes ernst nehmen der Realität. Und zwar der inneren Realität. Bei den ersten surrealistischen Filmen geht es genau darum.



Die bedeutendsten surrealistischen Filme sind Ein andalusischer Hund(Un chien andalou) und Das goldene Zeitalter (L'Âge d'Or), die beide aus einer künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Salvador Dalí und Luis Buñuel entstanden.


  • "Der Schwarz-Weiß-Film „Deep Gold" , den die National Galerie als Kunstfilm in der Grauen Box zeigt, ist eine Hommage an eine Szene aus Luis Buñuels surrealistischem Klassiker „L'Âge d'Or" (1930). Julian Rosefeldt versetzt das Geschehen in einen Nachtclub im Berlin der 1920er Jahre, in dessen großstädtischem Umfeld verschiedene Parallelwelten zusammenwirken.“ Wikipedia 
  • „Damit ist der Film eine Erweiterung dessen, was in der schonungslosen filmischen Gesellschafts- und Religionskritik des spanischen Surrealisten bereits anklingt: die Herausforderung einer repressiven Sexualmoral, die Auflösung der gegebenen Geschlechterordnung und der Appell an eine Emanzipation, die nie die Kraft der weiblichen Sexualität ausschließt. Rosefeldt zieht Parallelen zwischen der wirtschaftlichen Situation der 20er und heute.“ Wikipedia



In dem Drehbuch von dem „Goldenen Zeitalter“ wird zum Beispiel angedeutet, das Jesus der Letzte einer Orgie ist. Womit im Raum steht, dass das letzte Abendmahl eine Orgie war. (Sic!)


Julian Rosefeldt versucht mit dem Film die wirtschaftlichen Situation der 20er und heute zu vergleichen. Ich sehe dagegen hinter diesem einen Vorhang einen Film, der mir zeigt was 35 Jahre meiner Sexualität mit meinem Ich von heute, zu tun hat.  


Dieser Suchender, aber nicht Dazugehörenden, die Hauptfigur dieses Kunstfilms, stellt mein Verhalten in den letzten 35 Jahren nahezu perfekt nach. 



Mit einundzwanzig hatte ich meinen Fenstersturz.  Ich hatte nicht nur meinen ersten Sex mit einem Mann sondern stürzte auch in eine andere Welt.


Das nicht Ankommen der Hauptfigur, das Suchen als Weg, das wichtiger wird als als erreichen des Ziels in diesem Film, findet seine Entsprechung in der begleitenden „Arie“ aus dem Tristan und Isolde: „Mild und leise wie er lächelt“. 


Und die Musik vom Richard Warner’s Liebestod im Tristan zog mich unweigerlich in eine graue Kiste die im Gegensatz zu dem Wändelosen Keller der Nationalgalerie eine Art Intimität vorgaukelt. Und da stehe ich dann wie eine kleiner Junge im Zuckerschock nach seinem ersten Nutella Brot, vor dem Vorhang dieser Box aus der diese Worte und diese Musik kommt.


Die einen sagen ja das diese Oper „Tristan und Isolde“ ein auskomponierter Orgasmus ist. Die anderen Beschäftigen sich mit der Idee des Libretto’s, das es Liebe nur in Verbindung mit dem Tod gibt. Wieder andere fragen sich, wofür der Tod eine Metapher sein könnte. 



Für mich ist hier der Tod eine Metapher. In der Oper, wie in diesem Film.  Sex ohne Intimität ist jedes mal ein „kleiner Tod“. Im Gegensatz zu den Franzosen, die nur den Orgasmus als kleinen Tod bezeichnen. 


Die Worte diese Arie sind die Philosophie meiner Sexualität. Das Vergötterten, ohne das Erreichen. Das sehen eines Schatzes, den andere nicht sehn. Die Sehnsucht nach dem Schatz, ohne ihn je in den Händen zu halten.

 

Mild und leise
wie er lächelt,
wie das Auge
hold er öffnet ---
seht ihr's Freunde?
Seht ihr's nicht?
Immer lichter
wie er leuchtet,
stern-umstrahlet
hoch sich hebt?
Seht ihr's nicht?
Wie das Herz ihm
mutig schwillt,
voll und hehr
im Busen ihm quillt?
Wie den Lippen,
wonnig mild,
süsser Atem
sanft entweht ---
Freunde! Seht!
Fühlt und seht ihr's nicht?
Hör ich nur
diese Weise,
die so wunder-
voll und leise,
Wonne klagend,
alles sagend,
mild versöhnend
aus ihm tönend,
in mich dringet,
auf sich schwinget,
hold erhallend
um mich klinget?
Heller schallend,
mich umwallend,
sind es Wellen
sanfter Lüfte?
Sind es Wogeno
wonniger Düfte?
Wie sie schwellen,
mich umrauschen,
soll ich atmen,
soll ich lauschen?
Soll ich schlürfen,
untertauchen?
Süss in Düften
mich verhauchen?
In dem wogenden Schwall,
in dem tönenden Schall,
in des Welt-Atems
wehendem All ---
ertrinken,
versinken ---
unbewusst ---
höchste Lust!






Tristan stürzt in ihre Arme und beide versichern sich ihrer grenzenlosen Liebe, die selbst der Tod nicht beenden könne. Sie ersehnen die ewige Aufnahme in das „Wunderreich der Nacht“. Die Nacht symbolisiert dabei die innerliche Welt der wahren, uneingeschränkten Liebe, der Tag steht im Gegensatz dazu für die äußerliche Welt der (Selbst-)Täuschung durch gesellschaftliche Zwänge wie dem Streben nach Ruhm und Ehre, welche Tristan beherrscht und zum Konflikt geführt hatten.


Isolde ertrinkt „in des Welt-Atems wehendem All“ – „ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust!“ sind ihre letzte Worte. (Die Schlussmusik, die heute meist fälschlich als „Isoldes Liebestod“ bezeichnet wird, nannte Wagner selbst „Isoldes Verklärung“.)




Wenn der Sprung aus dem Fenster in diesem Film der Start meiner Sexualität darstellt, dann ist das harte Aufschlagen auf den Asphalt, der Eintritt in die Welt der Wirklichkeit. Hier ist die Wirklichkeit als Sexualität zu sehen, wie sie ist und wie sie von Menschen gelebt wird. Und noch viel wichtiger, wie sie von Menschen ersehnt wird. Und konkreter gesagt, eben nicht gelebt wird.


Schwul zu sein, habe ich nie NUR als Freiheit empfunden, den Sex zu haben, den ich wirklich will. Sondern immer auch als Pflicht, Konventionen nur zu Akzeptieren, wo sie Sinn machen. Und als Privileg Konventionen zu hinterfragen, wo sie andere oder mich behindern, zu dem zu Wachsen, wer wir sind. 


WERDE, WAS DU BIST.  


Für mich war dieser Weg immer der Weg, seine eigene Sexualität ernst zu nehmen und sich selber zu entdecken. Also seine inner Wirklichkeit zu erkunden und damit im Innen und Aussen Wahrhaftig zu werden.





„WERDE, WAS DU BIST.“,  ist die beste Zusammenfassung des dem Appell von Friedrich Nietzsche, zum Übermenschen zu werden. Also wieder zum Kind zu werden, nachdem man alle Werte im Aussen eine Absage gibt. Und seine eigenen Wertevorstellungen als „Kind“ lebt. 


Friedrich Nietzsche hat das so nie über Sexualität geschrieben. Ein vielleicht heikles zu Thema, wenn man an der Syphilis stirbt. Aber nur die Werte der eigenen Inneren Dynamik zu leben gilt halt auch gerade in der Intimität des Sex.


Der größte Teil des Filmes ist der Protagonist ein nicht Teilnehmender Beobachter. So wie ich. Die Teilhabe ist so lange nicht möglich, solange das nicht Leben der eigenen Inneren Dynamik, eine Wahrhaftige Begegnung verhindert. Ja ich habe und hatte viel Sex. Trotzdem stimmt der Satz. 


Den meine Inneren Dynamik hat das Thema Zugehörigkeit nie für sich integriert.


Und wenn eines mir der Film gezeigt hat, ist es das ich an einer Stelle meines Lebens bin, wo mein Ich von Heute, mit meinem Sexuellen Ich, zum ersten mal zusammen stehen und gemeinsam in ein Schaufenster schauen, das nichts anderes ist, als mein Leben.  


Und als jemand der nicht mehr im Schaufenster ist, sondern auf das Fenster schaut, bleibt mir nur zu akzeptieren das …. 


LUST IS A FORCE. 





Und damit nie eine Ort ist, den man erreicht und nie ein Zeitpunkt,  den man fest halten kann. Oder ein Orgamus. Oder ein Kunstwerk. Es ist wie Siegmund Freud sagt, das Gegenteil vom Todestrieb. Damit eine Gott der/die/das uns ständig antreibt zu kreieren, gebären oder zu gestalten. Er nennt es Eros.


Freud erklärt alles aus dem Sextrieb heraus. Damit ist für ihn Kunst Sublimierung. Ich könnte nicht mehr zustimmen. Nicht alles in der Welt ist Sex. Aber wer Sex in all seinen Form ignoriert,  ist nicht Wahrhaftig zu sich und anderen. Gerade auch bei sublimiertem Eros.  Damit ist Sex DIE Macht, die Energie bzw. die FORCE.


Dieser Gott kennt keine Gnade, er verlangt sein Recht von einem, egal ob man jung oder alt ist. Es ist ihr/ihm egal, ob wir diese FORCE dazu nutzen, um uns selbst und unsere Inneren Wahrhaftigkeit zu entdecken. Sei es die durch Sex oder durch Kunst. 


Nicht wenn wir Sex aufgeben. Auch nicht, wenn wir Kunst aufgeben. Erst wenn wir beides Aufgeben, sind wir Tod. 


Tod hat hier nichts mit dem physischen Körper zu tun. Sondern mit unserm Geist.  


Und damit hat Isolde recht, nicht in dem sie stirbt für oder wegen ihrem Geliebten. Isoldes Verklärung ist das versinken in die Wirklichkeit mit sich selbst. Errungen durch das Spiegeln des eigenen Ichs, durch die wahrhaftige, sexuelle Begegnungen mit anderen.


Mein Lebensziel war es in ZÄRTLICHKEIT ZU ERTRINKEN, als Höchste Form der Wahrhaftigkeit.


Und von daher ist das letzte Abenteuer die LUST IS A FORCE alleine zu leben. Alleine. Einsam. Erfüllt. Von dem Moment an wo man sich umfassend kennt. 


Von da an steht man alleine vor dem Schaufenster. In der Kälte. Bei sich. 


Ich verlasse die graue Box und die Nationalgalerie im Sommer 2022 als Mensch, der durch Kunst mehr Antworten versucht zu finden, aber jetzt  im Winter 2023, wo ich diesen Text beende, nur noch mehr Fragen findet. 


Das ist wohl dann wirklich surreal. Ich dachte mein Text wäre auch surreal, aber er scheint nur wahrhaftig zu sein. Wenn ich mit allem recht habe, stimmt beides. 






„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“.