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14.06.2026

Die Leiden des jungen Schwulen. Wer und was wird es sein? Wahlverwandten, Wahlfamilie und Wahlheimat.





1993 fand ich mich in einem Dschungel wieder, von dem ich gar nicht wusste, dass er einer war: Rotterdam. Für ein Auslandssemester hatte ich ein Zimmer in einer Studenten-WG gefunden, die neben einer Brotfabrik im Hafen der Stadt lag.

Wolkenkratzer haben hier eine echte Bedeutung und Quantität – aber zu meiner Überraschung war das gar nicht der Dschungel. Auch die Luft war zwar anders als in der Heimat. Zumindest roch sie anders: nach Öl vom Hafen, Salz vom Meer und Sirup aus der Brotfabrik. Aber auch das war nicht der Dschungel.


Von vielen Reisen kannte ich aus der Heimat zwar die Kultur der Niederlande, aber erst jetzt verstand ich den Satz: „In Rotterdam verdient man sein Geld, in Amsterdam gibt man es aus und in Den Haag zahlt man seine Steuern."

Die kulturelle Seite Rotterdams war mir bisher unbekannt. Hier gab es andere Regeln und andere Werte – zumindest solche, wie ich sie aus Köln und meinen Reisen kannte.


Ohne Niederländisch zu sprechen und ohne jemanden in der Stadt zu kennen, war ich gezwungen, das zu tun, was ich die „3 Ws" nenne. Jeder schwule Mann muss sich in seinem Leben entscheiden, was die 3 Ws für ihn sein sollen:


  • Wer seine Wahlverwandten sind! 
  • Wer seine Wahlfamilie ist! 
  • Und WAS seine Wahlheimat ist!




Die Sozialisierung eines schwulen Manns ist wie das Leben in Kalifornien: Das bisherige Leben kann mit einem Schlag vernichtet sein, sobald DAS große Erdbeben kommt. Im Leben eines schwulen Mannes ist das Ergebnis sein Coming Out. Wenn es schlecht läuft, sind Freunde und Familie – ja, vielleicht sogar die ganze Heimat (Dorf, etc.) – auf einen Schlag weg.


Diese Angst oder reale Möglichkeit zwingt einen schwulen Mann in seiner Sozialisierung, sich genau für diesen Fall vorzubereiten – sei es bewusst oder unbewusst, sei es prophylaktisch vor dem Coming Out oder postum nach dem Beben.


So oder so: Er kommt nicht dran vorbei. Als ich 1993 in Rotterdam ankam, hatte ich meine Freunde schon gewählt (Wahlverwandten). Sie wollten mich – nicht trotz, sondern weil ich schwul bin. Meine Wahlfamilie als innerer Kern dieser Freundschaften hatte ich aus dem gemeinsamen Erleben des Lebens gebildet; sie war nicht auf Blut gebaut.


Aber meine Wahlheimat hatte ich mir noch nicht ausgewählt. Und das tat ich dann in meiner ersten Woche in Rotterdam. Es war die „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist". Weder Niederländisch, noch Deutsch, noch Englisch. Unter anderem wurde die Sprache von Brahms gesprochen. Genauer gesagt: seine 3. Symphony in F major, Op. 90, 3. Satz. Denn ich traf die bewusste Entscheidung, wo ich Heimat finde: Nämlich dort, wo ich nie ein Fremder bin – wo ich immer die Sprache und Gebräuche kenne, wo meine Lieblingsspeisen herkommen und mein Humor sich speist, wo ich immer zurück kann und wo mich kein Erdbeben mir nehmen kann. Kurz: wo ich mich wohl und sicher fühle. In der Kunst.


Und diese bewusste Entscheidung für die Kunst als Wahlheimat wurde mir in all ihrer Konsequenz, Wärme und Stärke in der Philharmonie von Rotterdam klar – während des dritten Satzes der Symphony. In diesen ersten Wochen in Rotterdam wuchs und stärkte sich meine Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" immer mehr. Aus dem Manko, die Sprache nicht zu sprechen und nicht zur Kultur zu gehören, entstand meine Wahlheimat, wo das alles kein Problem war. Nicht nur in der klassischen Musik, sondern auch in der modernen Kunst, wie sie in der Kunsthal Rotterdam gezeigt wurde. Die Halle hat – zusätzlich zu dem Vorteil der Kunst in der Halle – einen großen Skulpturenpark, in dem ich nachts meine Definition der Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" hautnah entdecken und erleben konnte.




Als weiteres Dorf meiner Wahlheimat habe ich viele Choreografien der zeitgenössischen Tanzkompanie, der modernen Ballettkompanie INTRODANCE, gesehen. Mein Zugang zu diesem Dorf. Nach dem Auslandssemester war ich aus Gründen der Liebe lange in Amsterdam und verliebte mich zusätzlich in die Choreografien der beiden „Haus-Choreografen" Hans van Manen und Jiří Kylián. Beide haben mir quasi mit ihren Stücken eine Masterclass gegeben – worum es im modernen Ballett geht.


Und genau jetzt (2026) hat Kylián drei seiner Stücke noch einmal in Essen gezeigt. Das beiliegenden Videos zeigen Ausschnitte daraus. Damit wird vielleicht auch jetzt für dich, lieber Leser/liebe Leserin, klar, warum ich ganz oben im Text geschrieben habe: „WAS seine Wahlheimat ist" – anstatt „WO".





Denn dieses Stück Heimat in Form seiner Choreografien muss ich nicht in Rotterdam oder Amsterdam sehen. Noch nicht mal in Köln. Der Ort – hier Essen – ist irrelevant. Weil Heimat keine Zeit kennt. Weil Heimat, genauso wie Kunst, im Endeffekt ein Gefühl ist – und Gefühle sind jenseits von Zeit und Raum.


Und dieses wunderbare Gefühl, wieder einmal in der Heimat zu sein während dieses Ballettabends in Essen, hat mir einmal mehr in Erinnerung gerufen, was all diese drei Wahlentscheidungen gemeinsam haben: Sie basieren auf Anziehung von Menschen und Kunst. Ich fühle mich angezogen – und werde angezogen.





Wolfgang Goethe hat sich in seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften" nicht dem Versuch gestellt, einen Liebesroman zu schreiben. Sondern er wollte die Regeln der Wissenschaft auf die Liebe und damit auf die Literatur übertragen. Goethe überträgt die Chemie auf menschliche Beziehungen im Roman „Die Wahlverwandtschaften" (1809) durch das chemische Affinitätsgesetz von Torbern Bergman (attractio selectiva = „Wahlverwandtschaft").

 „Goethe verwendet die Chemie als Gleichnis für Liebe und Ehe: Wenn zwischen Menschen die ‚Chemie stimmt', bedeutet das eine unwillkürlich und bewusstlos wirksame Anziehungskraft des gegenseitig sympathisierenden Gesamtnaturells. Diese Anziehung ist weder auf Blutsverwandtschaft (gemeinsame Abkunft) noch auf bürgerliche Verwandtschaft (Eheschließung) zurückzuführen, sondern beruht rein auf physisch-psychischer Sympathie."

Der Roman zeigt damit die Verflechtung von Poesie und Wissenschaft: Die chemische Lehre der Affinität der Elemente wird auf das menschliche Leben übertragen und am Beispiel der zwischenmenschlichen Beziehungen erweitert.


Das ist das Grundprinzip der 3 Ws.


Doch auch wenn ein schwuler Mann voll sozialisiert ist, alle drei Wahlen getroffen hat und sichtbar in der Gesellschaft steht – ist der Kampf noch nicht gewonnen. Der Platz in der Gesellschaft ist nicht gefestigt. Sichtbarkeit ist zwar erreicht, aber das ist – zu unser aller Überraschung – nicht das Paradies.


Heute muss ich anerkennen: Sichtbarkeit ist die Bringschuld von mir als schwulen Mann und meiner Community. Aber die Holschuld, die wir heute haben – die ich heute habe – ist es, dass die heutigen Errungenschaften der Sichtbarkeit nicht von der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, die zurück zur Homophobie geht, aufgefressen werden.





Das Argument, dass die heutige Sichtbarkeit kein Recht mehr ist oder sogar ein Vorteil, sondern eine Gefahr, wird hervorragend durch „Tip Toe", eine britische TV-Mini Serie aus dem  Jahr 2026 auf Channel 4, dargestellt. (Und damit ist auch das nächste Dorf meiner Wahlheimat beschrieben: Film und TV.)


Wenn diese Gefahr wahr wird und es erneut zu einem „Erdbeben" kommt – diesmal nicht in der Familie, sondern in der Gesellschaft – dann wird meine Heimat, wie ich sie verstehe, immer überleben.


Eine Heimat, die aus der Angst und der Möglichkeit von Erdbeben entstanden ist. Bei mir war es bisher immer nur die Angst vor dem Erdbeben. Die Möglichkeit, dass es Realität wird, ist bisher nicht eingetreten – bei vielen aber leider schon. Und es werden wieder mehr.


„Kunst als Heimat" kann unsere Gemeinsamkeit sein. Und sie war es bisher in jedem Land, in dem ich war. Es gab immer Dörfer der Heimat zu besuchen: Dörfer der klassischen Musik und des Balletts, Dörfer der Oper, Dörfer des Films und des TV, Dörfer der Malerei und der Skulpturen. Und Dörfer die noch zu entdecken sind. 


Heimat. Gegründet 1993. Gefühlt 2026.











29.05.2021

Sirenen mit Bart

Wir kennen das. Du kennst das. Ich kenne das. 

  • Wir alle haben schon hübsche Menschen getroffen, die hässlich im Inneren waren.
  • Auch kennt jeder geil aussehende Typen, die in der Kiste langweilig sind. 
  • Und nur weil man mit einem tollen Lächeln angelacht wird, heisst es noch lange nicht, das wir dann auch gemocht werden.
Der Grund warum jemand kommen darf, ist fast nie der Grund warum jemand bleiben soll. 

Mann kann sagen, das diese Lebensweisheiten doch ausreichen sollten, nicht den selben Fehler ein zweites mal zu begehen. Aber das Leben bringt einem was anders bei. Da spielen Zahlen wie einmal, zweimal oder wie oft auch immer der Fehler gemacht wird, keine Rolle.

Warum ist das so?

Gibt es heimliche Sirenen die einen verführen. Hören wir Ihren Gesang nicht, reagieren aber auf ihren Zauber? Ist die Odyssee wahr und hat Home eigentlich eine Lebensratgeber geschrieben?

Wer bei Wikipedia nachschaut wird überrascht sein. Hier ist das Thema nicht nur schon so alt, das es einen Bart hat, sondern auch die Sirenen selber haben einen:

Sieren mit Bart


  • "Eine Sirene (altgriechisch Σειρήν Seirēn) ist in der griechischen Mythologie ein meist weibliches, in Darstellungen bisweilen bärtiges Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Mensch und Vogel, später auch Mensch und Fisch), das durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten."

Und wer sich noch das entsprechende Bild ansieht, kommt wohl mit mir zusammen schnell zu dem Schluss, das die abgebildeten Sirenen nichts anderes sind als Schwule Verführer.

  • "In der moralischen Mythendeutung des antiken und mittelalterlichen Christentums galten Sirenen als Verkörperung der von Frauen und Männern ausgehenden gefährlichen Versuchung und der zu Sinneslust verführenden weltlichen Reize." 
Man wird nicht immer ein Schiff, ein Seil und viele Matrosen, die eine festbinden, zufällig dabei haben. Noch wissen wir wo die Insel der Sirenen ist. Aber ihr ständige Lied verführt doch und verfehlt seine Wirkung nicht.

Was macht man nun als Großstädter im 
Jahr 2021 mit dieser er Information? 

Wenn Boccaccio recht hat, dann hilft wirklich nur das Wachs im Ohr und man verzichtet ganz und gar auf Sex und Nähe und kauft sich eine Hund oder Katze und wird langsam dick.
  • "Boccaccio beschrieb die Sirenen als Huren....Ihre Flügel symbolisieren demnach ihren oftmaligen Partnerwechsel, und mit ihren Klauen hinterlassen die Weggeflogenen Verwundungen."
Oder man glaubt Homer. Dann wird man deren Gesang lauschen und deren Lied hören.  Dann sollte man auch möglichst am Mast angebunden sein, weil ich Ilias einem beibringt, das die Sirenen einen zwar Verführen aber man es nicht überlebt. Solange man das Lied von ihnen hört hat man die "Fähigkeit, alles auf Erden Geschehende zu wissen und offenbaren zu können."
  • "Homer erwähnte die Eltern der Sirenen nicht. Mehrere spätere Autoren führten den Flussgott Acheloos als Vater der Sirenen an, die er mit einer der neun Musen ... gezeugt habe."
Und hier beginnt mein Rat-Geber für den Großstädter. JEDER kann etwa gut. JEDER. Auch die Sirenen. Aber wie alle Menschen haben die Sirenen sowohl Gutes und Schlechtes in sich. Wir Großstädter verfallen ihrer schlechten Seite oder sollte ich sagen, weigern uns die ein oder andere Seite der Sirene zu sehen, weil wir nicht Gefangene ihres Gesangs sind, sonderen in Ketten unserer eigenen Erwartungen und Hoffnungen sind. 
  • "Ikonographisch werden musizierende Sirenen als Verkörperungen weltlicher Verlockungen gelegentlich posauneblasenden Engeln gegenübergestellt."


Wir wollen das, was wir nicht haben. Wir wollen das, was die Musen ihren Sirenen als Geschenk gegeben haben.

Wenn ich mir die Sirenen meines Lebens nachschaue… Mir die Klippen meiner emotionalen Untergänge ansehe… Die Stellen revue passieren lasse, wo ich meine Seele in schwarz getaucht habe….

…da ist immer eine Sirene. Immer eine Sirene, die ich bewundert habe für ihre Musen-Stärke. 

Schönheit, Anmut, Jungenhaftigkeit, Männlichkeit.

Ich könnte jeweils einen Namen dran schreiben. Eine Beziehung von mir benennen. Einen Lebensabschnitt aufzeigen. 

Und damit verlasse ich den Großstädter, nicht ohne einen großen Sprung zu machen von der griechischen Antike hin zum Buddhismus.

  • Die Sirenen haben nur die Macht über dich wegen deinen Erwartungen. 
  • Und wahrscheinlich bist du selbst eine Sirene für jemand anderes, wenn du nicht dein Ego im Zaum hältst. 
Ich schreibe diese beiden Sätze und öffne seit einem halben Jahr das erste mal Gayromeo und höre den Gesang der Sirenen und summe selber leicht vor mir her. 

18.07.2019

CSD Montag

Es ist 8:14. Ich stehe auf der Friesenstrasse. Es ist CSD Montag. Und genau das ist der Moment wo mein Roman starten würde, den ich nie schreiben werde.

Voll mit Beobachtungen die ich gesammelt habe, in dem ich die weniger als 100 Meter diese Strasse entlang gehe.

Zum Beispiel diese Kroatische Putzfrau die die Nacht wegputz aus der Hemingway Bar. Und einfach aus Versehen das Putzwasser über die neuen Designer Sneakers der beiden älteren Schwulen schüttet, als sie an der Bar vorbeigehen.

Älter Herrn und Ältere Schwule sind zwei ganz verschiedene Dinge.

Zum Beispiel schätze ich die summierten Einkaufpreise der getragenen Kleidung dieser Herren auf über 1000 Euro. Jeweils.

Sie haben immer noch diese Gesicht voller Hoffnung. Obwohl der CSD vorbei ist. Obwohl die gerade aus der Sauna kommen.

Und nicht die Montag Morgen Realität hat diese Hoffnung zerstört. Sondern der feste Glaube, das man nur mit ihnen sex haben würde, wenn ihr Schuhe sauber sind.

Und an so einem Moment der Ruhe nach den CSD Wochenende, hat man auch wieder die Fähigkeit Details wahrzunehmen.

Es gibt nicht viele Gründe warum ein 14 Jähriger Montag morgen auf der Friesenstrasse sitzen sollte, und traurig auf eine geschossen Tür schaut. Die ab und zu aufgeht und seltsam Aliens aus dem Haus entlässt. Dem Haus zu dem die Tür gehört. Das Haus auf dem draußen das Wort Babylon steht.

Und dann habe sogar ich verstanden das diese Augen die selbe Hoffnung zeigen wie die Augen der beiden Älteren Schwulen.

22.05.2004

Maiglöckchen. (Kölner Nachtreisebericht)

Es sind nicht viele. Aber doch genug, das sie eine konstanten Klangteppich abgeben. In allen Räumlichkeiten klingelt es leise vor sich hin. Manchmal leise, mal werden sie lauter wenn sie näher kommen.

Der leise Ton eines einzelnen Glöckchen beruhigt mich sehr. Hier an diesem Ort allein zu sein, schein mir doch sehr ... beängstigend. Und so ganz kann ich mich auch nicht entscheiden. Sind die Maiglöckchen jetzt eher so etwas wie die Rum-Tonne um den Hals eines Lawinen-Bernerdieners oder doch eher so was wie die Signal-Glocke bei einer Heiligen Kuh.

Aber Eines nach dem Anderen. Ich betrat also die neue große Mai-Wiese Kölns. Und natürlich tummelten sich alle Archetypen. Das war das Maiglöckchen jung und unverbraucht. Mann hatte Angst das jeder Windzug zu stark für es ist. Und dar war auch schon das ältere Maiglöckchen. Meistens mit dickem Stängel und eher liegend, als wirklich aufrecht stehend. Und auch das unnahbare Maiglöckchen war da.

Ganz und gar nicht mag ich die Maiglöckchen, die sich regelmäßig im Herbst mit größtem TamTam von der Wiese in die Ehe verabschieden. Alle Brücken zu Wiese werden dabei theatralisch abgebrochen. Mann löscht alle Profile, nicht ohne sich vorher lauthals zu verabschieden. Schnell werden noch alle Versuchungen verdammt, die mann denn Sommer über noch so gefrönt hat. Ich lese dann immer die Texte im Profil: „Endlich habe ich IHN gefunden! Nach langem suchen, habe ich den idealen Mann an meiner Seite. Kommende Woche ziehen wie zusammen!“ Ich wünsche Euch genauso viel Glück.“

Da kotze ich!

Zum einen löschen diese Archetypen von Maiglöckchen nur eines Ihrer Profile. Und zwar das mit dem Facepic. Die anderen 27 bleiben mal sicherheitshalber noch in Petto. Und weil mann ja nicht unhöflich ist, kann mann die Fuck-Buddies in den ersten Monaten auch nicht sofort vor die Tür setzten.

Trifft mann diese Maiglöckchen in der Stadt und mann fragt sie wie es Ihnen denn so geht, schreien Sie einem entgegen, wie das Hässliche Entlein in dem Film „Muriels Hochzeit“: „MARRIED !!!“

Mir kommen dies Maiglöckchen immer wie Indische Frauen vor, die nach der Tod Ihres Mannes freiwillig und froh gelaunt mit auf den Scheiterhaufen gehen. Zu mindestens machen sie so eine Aufstand, wenn Sie im Herbst die Wiese verlassen.

Ich bin ja immer wieder gerne höflich. Ganz besonders gerne im Mai. Wenn diese Maiglöckchen auf die Wiese zurück kommen. Dann grüße ich ja überschwänglich. Erkundige mich intensivst nach dem verbleiben des Göttergatten. Und bin fürchterlich erschüttert über die Trennung.

Soziologisch-Stammesrituell versteh ich das Handeln dieser Maiglöckchen ja. Sie wollen das gleich haben, wie die Heten-Glöckchen. Eine Hochzeit ist das einzige Ritual, das so viel ungeteilte Aufmerksamkeit, Glück und Wohlwollen verheißt.
Von den vor Glück weinenden Mammis, über die bisher so verhassten Nachbarin, bis zur unbekannten Brötchen-Verkäuferin. Alle strahlen einen an und fragen verheißungsvoll: „ Wann ist denn der glückliche Tag?“ Selbst der Vater, um dessen Aufmerksamkeit und Liebe mann schon sein Leben lang gebuhlt hat, legt stolz den Arm auf die Schulter des Sohnes und strahlt einen mit den Worten an: „Gute Partie, mein Sohn!“

Wenn dann sogar die alten Saufkumpanen noch ankommen und sich umständlich dafür entschuldigen, dass sie einen nicht mehr zum Zug durch die Gemeinde einladen, weil mann ja jetzt Verantwortung trägt. Weiß jeder Bräutigam welchen Fehler er begannen hat.

Nichts desto trotz wird mann bei der Hochzeit vor Liebesbeweise von allen Seiten überschüttet und wird wohl nie mehr so ein starkes Gefühl haben. Ein Gefühl des am rechten Platz seins. Des Angekommen seins. Ein Gefühl das Richtige und weithin akzeptierte zu tun.

Kurz und gut: ein Ritual, das dem Paar, der Sippe und der Nachbarsippe deutlich macht: Lass die Finger von diesem Paar!

So viel gesellschaftliche Anerkennung will natürlich auch unser Maiglöckchen haben! Nur das funktioniert leider nicht.

Soziologisch-Stammesrituell hat unser Maiglöckchen nämlich vergessen das dieses Ritual der Arterhaltung dient. Und egal wie sehr es sich um die Historische Aufarbeitung der aktuellen „Dolce & Gabbana Kollektion“ verdient gemacht hat, neue kleine Maiglöckchen werden daraus nicht.

Und die Mammis weinen zwar, aber Ihr Blick sagt eher so was wie: „Was werden die Nachbarn sagen?“ Und die Brötchen-Verkäuferin wird jeden Morgen einen ansehen und einen Gesichtsausdruck haben, wie „Ich habe es ja gleich gewusst. Wer jeden morgen Vollkornbrötchen und Orangenmarmelade kauft, der muss ja...“

Normalerweise wird ja auch die Sippe im Umkreis von den nächsten drei Blocks mit allen nötigen und unnötigen Informationen versorgt. Was trägt die Braut drunter? Mit wem hatte Sie vorher schon was? Wie viel Geld kostet die Hochzeit? Wie viel zahlen davon die Schwiegereltern? Diese Informationen diffundieren schnell möglichst durch die Sippe, indem die Bräutigam-Mutter dies unter dem Siegel der Verschwiegenheit der besten Freundin erzählt. So geht es am schnellste.

Bei unserem Maiglöckchen wir die Mutter aber schweigen, die beste Freundin der Mutter bekommt keine Siegel zu sehen und auch sonst ist es sehr ruhig in der Sippe.

Der Vater nimmt das Maiglöckchen zu Seite und sagt “Hättest Du damit nicht warten können, bis Deine Mutter und ich unter der Erde liegen?“

Und die lieben Saufkumpanen sprechen einen diskret darauf an, ob mann dem Bräutigam nicht die restlichen Eintritte der Zehnerkarte der Phoenix abkaufen kann.

Und weder die Nachbarn, noch die Sippe und erst recht nicht die Nachbarsippe, geben nur ein Funken Respekt auf dieses Paar. Im Gegenteil. Einen schwul-verheirater Mann fehlt noch in vielen Sammlerkollektionen!

Und aufgrund dieser schlechten Startbedingungen, treffe ich dann diese Maiglöckchen immer und immer wieder an diesem Ort. Das Profil ist stillschweigend wieder online gestellt. Der Profiltext trägt in jeder Zeile und in jedem Wort eine Trauerband. „Und das war sowieso nicht der Richtige.“ (Vielleicht klappt es ja mit dem Ritual einer Witwe?)

Dieser Ort, das ist die Richard-Wagner-Str. 12. Voll mit Maiglöckchen. Die neue Wiese ist hier seit vielleicht drei Monaten auf. Und als zweit Sauna der Phoenix-Gruppe in Köln, eine willkommene Abwechslung in der hiesigen Saunalandschaft.

Voller Neugier gehen die Maiglöckchen hier hin und entdecken die zwei Ebenen. Die großen, langen Gänge sind recht dunkel und viele Abzweigungen sorgen für ein verwirrendes Ambiente. Eine freie Fläche ist ja auch recht ernüchternd und weniger vielversprechend.

Berühmtheit hat die Sauna bereits jetzt für seine erfischende Political INcorrectness. Die Dampfsauna ist als Tempel der Lust nicht nur die größte in Köln, sondern auch mit einer Diskriminierungsspalte versehen. Das Labyrinth geht zwar klassisch im Kreis, aber am weitesten vom Eingang entfernten Punkt steht ein Mauervorsprung sehr nahe an der Wand. So das mann nur weitergehen kann, wenn mann unter 100 Kilo hat. Gerade mal 30 Zentimeter ist diese Spalte breit. Und es macht einen heiden Spaß zu sehen, wer und wie, sich dort alles durchzwängt. Böse Zungen behaupten das gehört zum Artenschutz der Maiglöckchen. So das junge schlanke Maiglöckchen sich schützen können, vor den großen fetten Maiglöckchen.

Neue Sauna, neue Rituale. Jeder Gast bekommt am Eingang seinen Schlüssel. Nicht wie sonst an einem gewöhnlichen Schwimmbadband, sondern an einem schmalen Gummiband befestigt. Wahrscheinlich bei Gummi-Grün am Neumarkt engros eingekauft. So das der Schlüssel, beim Gehen in diesem schönen Wonnemonat Mai, immer wie ein kleines Glöckchen klingelt!

Und wie verwirrend das Ambiente auch immer sein mag, der liebliche Ton der Maiglöckchen weißt einem immer den Weg. Der Ton kommt mal näher, mal wird er wieder schwächer. Mal ist er aufdringlich, mal rhythmisch. Nur wenn auf der Wiese Stille ist, mag mann das so gar nicht als Maiglöckchen.


Köln, 22.05.04