14.06.2026

Die Leiden des jungen Schwulen. Wer und was wird es sein? Wahlverwandten, Wahlfamilie und Wahlheimat.





1993 fand ich mich in einem Dschungel wieder, von dem ich gar nicht wusste, dass er einer war: Rotterdam. Für ein Auslandssemester hatte ich ein Zimmer in einer Studenten-WG gefunden, die neben einer Brotfabrik im Hafen der Stadt lag.

Wolkenkratzer haben hier eine echte Bedeutung und Quantität – aber zu meiner Überraschung war das gar nicht der Dschungel. Auch die Luft war zwar anders als in der Heimat. Zumindest roch sie anders: nach Öl vom Hafen, Salz vom Meer und Sirup aus der Brotfabrik. Aber auch das war nicht der Dschungel.


Von vielen Reisen kannte ich aus der Heimat zwar die Kultur der Niederlande, aber erst jetzt verstand ich den Satz: „In Rotterdam verdient man sein Geld, in Amsterdam gibt man es aus und in Den Haag zahlt man seine Steuern."

Die kulturelle Seite Rotterdams war mir bisher unbekannt. Hier gab es andere Regeln und andere Werte – zumindest solche, wie ich sie aus Köln und meinen Reisen kannte.


Ohne Niederländisch zu sprechen und ohne jemanden in der Stadt zu kennen, war ich gezwungen, das zu tun, was ich die „3 Ws" nenne. Jeder schwule Mann muss sich in seinem Leben entscheiden, was die 3 Ws für ihn sein sollen:


  • Wer seine Wahlverwandten sind! 
  • Wer seine Wahlfamilie ist! 
  • Und WAS seine Wahlheimat ist!




Die Sozialisierung eines schwulen Manns ist wie das Leben in Kalifornien: Das bisherige Leben kann mit einem Schlag vernichtet sein, sobald DAS große Erdbeben kommt. Im Leben eines schwulen Mannes ist das Ergebnis sein Coming Out. Wenn es schlecht läuft, sind Freunde und Familie – ja, vielleicht sogar die ganze Heimat (Dorf, etc.) – auf einen Schlag weg.


Diese Angst oder reale Möglichkeit zwingt einen schwulen Mann in seiner Sozialisierung, sich genau für diesen Fall vorzubereiten – sei es bewusst oder unbewusst, sei es prophylaktisch vor dem Coming Out oder postum nach dem Beben.


So oder so: Er kommt nicht dran vorbei. Als ich 1993 in Rotterdam ankam, hatte ich meine Freunde schon gewählt (Wahlverwandten). Sie wollten mich – nicht trotz, sondern weil ich schwul bin. Meine Wahlfamilie als innerer Kern dieser Freundschaften hatte ich aus dem gemeinsamen Erleben des Lebens gebildet; sie war nicht auf Blut gebaut.


Aber meine Wahlheimat hatte ich mir noch nicht ausgewählt. Und das tat ich dann in meiner ersten Woche in Rotterdam. Es war die „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist". Weder Niederländisch, noch Deutsch, noch Englisch. Unter anderem wurde die Sprache von Brahms gesprochen. Genauer gesagt: seine 3. Symphony in F major, Op. 90, 3. Satz. Denn ich traf die bewusste Entscheidung, wo ich Heimat finde: Nämlich dort, wo ich nie ein Fremder bin – wo ich immer die Sprache und Gebräuche kenne, wo meine Lieblingsspeisen herkommen und mein Humor sich speist, wo ich immer zurück kann und wo mich kein Erdbeben mir nehmen kann. Kurz: wo ich mich wohl und sicher fühle. In der Kunst.


Und diese bewusste Entscheidung für die Kunst als Wahlheimat wurde mir in all ihrer Konsequenz, Wärme und Stärke in der Philharmonie von Rotterdam klar – während des dritten Satzes der Symphony. In diesen ersten Wochen in Rotterdam wuchs und stärkte sich meine Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" immer mehr. Aus dem Manko, die Sprache nicht zu sprechen und nicht zur Kultur zu gehören, entstand meine Wahlheimat, wo das alles kein Problem war. Nicht nur in der klassischen Musik, sondern auch in der modernen Kunst, wie sie in der Kunsthal Rotterdam gezeigt wurde. Die Halle hat – zusätzlich zu dem Vorteil der Kunst in der Halle – einen großen Skulpturenpark, in dem ich nachts meine Definition der Wahlheimat als „Kunst, in der Sprache nicht wichtig ist" hautnah entdecken und erleben konnte.




Als weiteres Dorf meiner Wahlheimat habe ich viele Choreografien der zeitgenössischen Tanzkompanie, der modernen Ballettkompanie INTRODANCE, gesehen. Mein Zugang zu diesem Dorf. Nach dem Auslandssemester war ich aus Gründen der Liebe lange in Amsterdam und verliebte mich zusätzlich in die Choreografien der beiden „Haus-Choreografen" Hans van Manen und Jiří Kylián. Beide haben mir quasi mit ihren Stücken eine Masterclass gegeben – worum es im modernen Ballett geht.


Und genau jetzt (2026) hat Kylián drei seiner Stücke noch einmal in Essen gezeigt. Das beiliegenden Videos zeigen Ausschnitte daraus. Damit wird vielleicht auch jetzt für dich, lieber Leser/liebe Leserin, klar, warum ich ganz oben im Text geschrieben habe: „WAS seine Wahlheimat ist" – anstatt „WO".





Denn dieses Stück Heimat in Form seiner Choreografien muss ich nicht in Rotterdam oder Amsterdam sehen. Noch nicht mal in Köln. Der Ort – hier Essen – ist irrelevant. Weil Heimat keine Zeit kennt. Weil Heimat, genauso wie Kunst, im Endeffekt ein Gefühl ist – und Gefühle sind jenseits von Zeit und Raum.


Und dieses wunderbare Gefühl, wieder einmal in der Heimat zu sein während dieses Ballettabends in Essen, hat mir einmal mehr in Erinnerung gerufen, was all diese drei Wahlentscheidungen gemeinsam haben: Sie basieren auf Anziehung von Menschen und Kunst. Ich fühle mich angezogen – und werde angezogen.





Wolfgang Goethe hat sich in seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften" nicht dem Versuch gestellt, einen Liebesroman zu schreiben. Sondern er wollte die Regeln der Wissenschaft auf die Liebe und damit auf die Literatur übertragen. Goethe überträgt die Chemie auf menschliche Beziehungen im Roman „Die Wahlverwandtschaften" (1809) durch das chemische Affinitätsgesetz von Torbern Bergman (attractio selectiva = „Wahlverwandtschaft").

 „Goethe verwendet die Chemie als Gleichnis für Liebe und Ehe: Wenn zwischen Menschen die ‚Chemie stimmt', bedeutet das eine unwillkürlich und bewusstlos wirksame Anziehungskraft des gegenseitig sympathisierenden Gesamtnaturells. Diese Anziehung ist weder auf Blutsverwandtschaft (gemeinsame Abkunft) noch auf bürgerliche Verwandtschaft (Eheschließung) zurückzuführen, sondern beruht rein auf physisch-psychischer Sympathie."

Der Roman zeigt damit die Verflechtung von Poesie und Wissenschaft: Die chemische Lehre der Affinität der Elemente wird auf das menschliche Leben übertragen und am Beispiel der zwischenmenschlichen Beziehungen erweitert.


Das ist das Grundprinzip der 3 Ws.


Doch auch wenn ein schwuler Mann voll sozialisiert ist, alle drei Wahlen getroffen hat und sichtbar in der Gesellschaft steht – ist der Kampf noch nicht gewonnen. Der Platz in der Gesellschaft ist nicht gefestigt. Sichtbarkeit ist zwar erreicht, aber das ist – zu unser aller Überraschung – nicht das Paradies.


Heute muss ich anerkennen: Sichtbarkeit ist die Bringschuld von mir als schwulen Mann und meiner Community. Aber die Holschuld, die wir heute haben – die ich heute habe – ist es, dass die heutigen Errungenschaften der Sichtbarkeit nicht von der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, die zurück zur Homophobie geht, aufgefressen werden.





Das Argument, dass die heutige Sichtbarkeit kein Recht mehr ist oder sogar ein Vorteil, sondern eine Gefahr, wird hervorragend durch „Tip Toe", eine britische TV-Mini Serie aus dem  Jahr 2026 auf Channel 4, dargestellt. (Und damit ist auch das nächste Dorf meiner Wahlheimat beschrieben: Film und TV.)


Wenn diese Gefahr wahr wird und es erneut zu einem „Erdbeben" kommt – diesmal nicht in der Familie, sondern in der Gesellschaft – dann wird meine Heimat, wie ich sie verstehe, immer überleben.


Eine Heimat, die aus der Angst und der Möglichkeit von Erdbeben entstanden ist. Bei mir war es bisher immer nur die Angst vor dem Erdbeben. Die Möglichkeit, dass es Realität wird, ist bisher nicht eingetreten – bei vielen aber leider schon. Und es werden wieder mehr.


„Kunst als Heimat" kann unsere Gemeinsamkeit sein. Und sie war es bisher in jedem Land, in dem ich war. Es gab immer Dörfer der Heimat zu besuchen: Dörfer der klassischen Musik und des Balletts, Dörfer der Oper, Dörfer des Films und des TV, Dörfer der Malerei und der Skulpturen. Und Dörfer die noch zu entdecken sind. 


Heimat. Gegründet 1993. Gefühlt 2026.











15.05.2025

Oscar Wild tifft Anthropologie und macht Party in Neaple

Gestern war ich in Neapel. Und dann kurz in Capri. Und dann wieder zurück in Neapel.

Natürlich nur als Besucher dieses Films. Oder …




Parthenope ist eine der Sirenen der griechischen Mythologie. Sirenen sind mythische Wesen, die mit ihrem betörenden Gesang Seefahrer ins Verderben locken. In Homers Odyssee werden die Sirenen zwar erwähnt, aber noch nicht namentlich genannt. Spätere Autoren wie Plutarch und Johannes Tzetzes gaben den Sirenen individuelle Namen, darunter Parthenope. Neapel wird als Parthenope beschrieben.


In diesem Film ist es eine Schönheit namens Parthenope, die 1950 in Neapel geboren wurde und nach der mythologischen Sirene benannt ist. Sie ist von überirdischer Schönheit und zieht viele Männer in ihren Bann, bleibt aber unabhängig und widmet sich der Anthropologie, insbesondere philosophischen Fragen des Lebens, der Liebe und der Vergänglichkeit.


Diese drei Themen sind schon immer die Themen der Filme des Regisseurs Paolo Sorrentino. Für „La Grande Bellezza - Die große Schönhei“ bekam er den Oscar. Für den Film „Ewige Jugend“ drei Oscar Normierungen. Immer geht es um das Dreieck Begehren, Schönheit und Vergänglichkeit.




Der Film ist eine Hommage an die Stadt Neapel die für die Vergänglichkeit steht. Und es gibt eine zweite Parthenope. Diese wunderschöne Frau. Paolo Sorrentino, der diese mythologische Figur als Symbol für Schönheit, Freiheit und die Komplexität des Lebens neu interpretiert. In beiden Ausprägungen.




Wir erleben das Leben dieser wunderschönen Frau die Anthropologien werden will. Diese Schönheit lebt ihr Leben und studiert damit die Fragen ihres Faches. Und wir schauen ihr dabei zu.
• Was bedeutet Wissen?
Als Anthropologin sucht Parthenope nach dem Wesen des Wissens und der Erkenntnis. Besonders ihre Beziehung zu Professor Marotta dreht sich um die Frage, was es heißt, wirklich „hinzusehen“. Marotta erklärt ihr: „Anthropologie heißt Hinschauen.“ Parthenope erkennt, dass echtes Verstehen nicht bloßes Beobachten ist, sondern eine Fähigkeit, die man erst am Ende des Lebens wirklich erlernt.


• Wie sehr lohnt sich Liebe?


Die Bedeutung und der Wert der Liebe sind zentrale Themen. Parthenope erlebt Liebe in vielen Facetten – von jugendlicher Schwärmerei bis zu obsessiven und unerfüllten Beziehungen. Sie reflektiert, wie Liebe das Leben prägt, aber auch, wie sie Gefahr, Schmerz und Einsamkeit mit sich bringen kann.


• Wie trifft uns die Vergänglichkeit?


Der Film setzt sich intensiv mit Vergänglichkeit auseinander – von Jugend und Schönheit bis hin zu Verlust und Tod. Parthenope wird als Verkörperung absoluter Schönheit gezeigt, ist sich aber stets der Endlichkeit des Lebens und der Flüchtigkeit des Glücks bewusst.


• Was ist der Sinn von Schönheit und deren Preis?




Parthenope fragt sich, welchen Wert und welche Gefahr Schönheit birgt. Sie erkennt, dass Schönheit Türen öffnet, aber auch zur Projektionsfläche für Begehren und Fantasien wird. Der Film thematisiert, wie Schönheit sowohl Segen als auch Bürde sein kann.


• Was bedeutet Freiheit?


Parthenope sucht nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Ihre größte Leidenschaft gilt der Freiheit – sie will sich nicht auf eine Rolle oder ein Leben festlegen lassen, das andere für sie vorgesehen haben.







• Wie steht es um das Wunderbare in der modernen Welt?


Im Verlauf des Films beschäftigt sich Parthenope auch mit der Frage, ob es in einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft noch Platz für das Wunderbare und das Unerklärliche gibt – etwa im Zusammenhang mit religiösen Wundern und der katholischen Kirche.
Das klingt alles nach einem trocknem Vortrag. Das bildgewaltige Gegenteil ist der Fall. Und das gelingt Paolo Sorrentino durch den Trick zwei Parthenope‘s zu haben. Wie bei Oscar Wilde‘s „Bildnis des Dorian Gray“ wird die Stadt Neapel als Parthenope immer älter, hässlicher und heuchlerischer. Und die Frau Parthenope bleibt weiterhin göttergleich wunderschön und unerreichbar.
Dieser Film schaut hin und ist grausam in seiner Ehrlichkeit. Er findet Bilder und zeigt Episoden, die jedem Zuschauer nicht mehr die Freiheit gibt, sich selbst anzulügen, über sich selbst


Immanuel Kant hat in seiner Philosophie ähnliche Fragen gestellt.
1. Was kann ich glauben?
2. Was kann ich wissen? Ursache und Wirkung = Kausalität
3. Was soll ich tun? Ethik Kants des kategorischen Imperativs
Ähnliche Fragen wie die der Film stellt. Professor Marotta hat den Unterschied in Film bereits erklärt. Es geht nicht um die Antworten, sondern um die Fragen.
„Anthropologie heißt Hinschauen.“
Das echte Verstehen ist nicht bloßes Beobachten, sondern eine Fähigkeit, die man erst am Ende des Lebens wirklich erlernt.
Kant gilt immer. Parthenope bekommt ihre Antworten erst im Alter.
Als ich das erste mal in Neapel war, das erste mal auf Capri, habe ich diesen Film bereits gelebt. Das isst ungefähr 10 Jahre her. Und ich war nicht Parthenope. Oder halt eben doch. Halt aber die andere Parthenope.

Ich hatte damals schon die Fragen. Schneller als mir lieb ist, bekomme ich jetzt die Antworten.

In Demut für dieses weitere Meisterwerk von Paolo Sorrentino, wünsche ich mir sehr Menschen mit den ich diesen Film besprechen kann.

Wenn das Thema immer das Dreieck ist aus Begehren, Schönheit und Vergänglichkeit. Und Neapel die Vergänglichkeit ist. Und Parthenope die Schönheit. Dann ist der Zuschauer, dann bin wohl ich das Begehren. Und da ich Fragen und Antworten habe würde ich über das Begehren im Alter mit anderen Zuschauern besprechen.



PS: Hier ein kleiner Tipp aus dem Soundtrack. Nicht weniger als eine grandiose Mischung aus Bolero, Lawrence of Arabia und CARMINA BURANA.

23.12.2024

Geheime Schatzkiste.

So nenne ich meinen kleinen versteckten Speicher in meinem   Kopf für Kunstwerke, die bereits jetzt einen grossen Einfluss auf mich haben könnten, die ich mir aber bewusst für einen andere Phase meines Lebens aufbewahre, in denen sie eine überragenden Wirkung haben werden zu DEM Thema, der dann anstehenden Lebensphase. (Was für ein langer Satz :-))







In dieser Schatzkiste war Wagner, Carl Jung oder auch Wittgenstein.


Diese tolle Doku über die Werke von Tilda, zeigt mir noch mal wie sehr ich in meiner Liebe zum Kino durch die Bewegung der Schwulen Filmfestivals beeinflusst bin.  Derek Jerman und seine Filme sind mit das Beste aus dieser Zeit und dieser Bewegung.  Was und wie Kunst ist, insbesondere im Film, haben mir die Filme von Jerman intensiv beigebracht. Ich letzter Zeit habe ich mich wieder mit ihm beschäftig und dabei gelernt, was sein Ziel mit seinen Filmen war. 


Nicht Umsatz, nicht Erfolg, nicht Beachtung. Sondern die beste aller Zeit mit guten Freunden.


Diese Doku über Tilda zeigt, das sie genau das gleiche Ziel wie Jarman hat. 


In dieser Zeit des Ultra-Kapitalismus und der Post-Covid-Einsamkeitswelle sind diese Ziele für Kunst das Sozialste was ich mir vorstellen kann. Und damit auch das Notwendigste. 


Mit 57 bin ich noch nicht in der Phase, wo ich die beiden Filme von Jarman aus meiner Schatzkiste hole, die ich noch nicht gesehen habe.  Aber ich fange an mich an sie zu erinnern.


„Der Garten“ und „Blue“ warten auf mich in meiner Schatzkiste. Tilda ist schon bei mir. Vorfreude war und ist meine schönste Freude. Auch bei so schwerer Kost wie bei diesen beiden Filmen. 

07.11.2024

Lügen , Wahrheit und Leben.

 



Ich will alles. Von Thomas Mann und Lennard Bernstein.

Da gibt uns das Schicksal einer der wenigen sozialen Experimente wo wir in einer Kontrollgruppe sehen können: „was passiert wenn….“

Nehmen wir zwei Herren, die beide Herren lieben. Beide sind sich jeweils in zwei Sachen sicher. Sie sind Gottes Geschenk an die Menschheit und sie wollen einfach alles. 

Bei dem Geschenk geht es eigentlich um das was sie als Künstler erstellen und nicht um sie als Person. Aber das wäre eine weibliche Perspektive einer Künstlerin auf ihre Kunst. Diese beiden Männer sind Egomaniacs und sehen da kein Unterschied. 

Weibliche Künstler haben meistens viel eher Verstanden, daß das Kunstwerk immer mehr ist, als nur das was die Künstlerin rein getan hat.

Thomas und Lenny haben sicherlich nicht diese Perspektive. Sie sind das Geschenk Gottes. Soviel ist klar für sie. 

Und beide entscheiden sich für ein Leben, das eine wichtige Konvention nicht akzeptiert: „Du kannst nicht alles haben!“

Und darin liegt das Vergleichende Experiment: sie gehen nicht mit der Frage durch das Leben, ob das nicht doch geht. Sondern sie entscheiden über ihr eigenes Leben und setzen als Antwort fest, das für sie es möglich ist, alles zu haben.  Und das Leben spielt mit. Denn dem Leben, dem Schöpfer, dem Schicksal oder der Muppet Show ist es egal, ob du den Weg festlegst und das Ergebnis dem Zufall überlässt. Oder wie bei den beiden Herren, sie das Ergebnis festlegen und dem Leben den Weg bestimmen lassen.

Das ALLES der Herrn ist gleich. Sie wollen die Welt mit ihrer Kunst beglücken und dafür geliebt werden.  Bewundert und gefragt werden.  Und sie wollen dafür nicht aufgeben eine Familie mit einer Frau zu haben und mit ihr Kinder. Obwohl sie Schwul sind. 

Und darin liegt das vergleichende Experiment. Das ist die Antwort auf die Frage, ob alles auf einmal möglich ist. Und das Leben zeigt uns in diesem „Experiment“ auf zwei sehr unterschiedlichen Wegen, wie Mann(sic!) das selbe Ergebnis im Leben erreichen kann. 

Wie soll das möglich sein als schwuler Mann ohne zu lügen, zu betrügen oder Menschen einfach nur zu nutzen, bzw auszunutzen. 

Thomas Mann beantworte diese Frage, eindeutig indem er für sich es als wahr empfindet, das er niemand anlügt oder ausnützt, indem er sich selber anlügt und ausnützt. 

Lenny Bernstein verneint sein Schwulsein nicht, sondern zieht es vor, es als Liebe von allem Menschen zu leben. Sein es Liebhaber, sein es eine Ehefrau, sei es seine Kinder, sein es Musiker oder sein es „Schüler“ seines „Musikunterrichts“.

Er beantwortet die Frage damit, das er aufrichtig Menschen liebt und alle seine Talente an Menschen verschenkt als aufrichtiger Lehrer und indem er sich GANZ als Mensch zeigt. Er lügt also werder, sich noch andere an. Thomas lügt sich an und macht sich damit vor das er andere nicht anlügt. 

Das Experiment zeigt uns was das zum Beispiel mit den Ehefrauen macht. Alle zwei Männer haben starke Frauen als Ehefrau gewählt. Stark in ihren Rollen als Ehefrau und Mutter. Aber mindestens auch so stark was ihre Intelligenz angeht und ihre eigenen Künstlerischen Qualitäten. Und nicht zuletzt die ständig unterschätze Rolle der Muse, als Quelle der Inspiration  und Guidance und der oft notwenigen Disziplinierung.  

* 1904 lernte Thomas Mann Katharina „Katia“ Pringsheim (Tochter des Mathematikers Alfred Pringsheim und Enkelin der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm) kennen und begann, um sie zu werben. In seinen Briefen und Tagebüchern sind bis dahin nur homoerotische Schwärmereien dokumentiert. Er lebte seine Homosexualität jedoch nicht aus, es blieb bei Schwärmereien für „Jünglinge“, die unter anderem in Der Tod in Venedig (Gustav von Aschenbach/Tadzio) und im Felix Krull (Lord Kilmarnock/Krull) ihren Niederschlag fanden. Wiki

* Mit dem Entschluss, Katia Pringsheim zu ehelichen, entschied er sich für ein „geordnetes“ Leben und heiratete in eine der angesehensten Familien Münchens ein. Katia zögerte zunächst, sodass die Ehe erst am 11. Februar 1905 geschlossen wurde. In seinem zweiten Roman Königliche Hoheit von 1909 hat Thomas Mann die Brautzeit literarisch verarbeitet. Mit Katia hatte er sechs Kinder: Erika (1905–1969), Klaus (1906–1949, Suizid), Golo (1909–1994), Monika (1910–1992), Elisabeth (1918–2002) und Michael (1919–1977, vermutlich Suizid).

* Felicia Cohn Montealegre (* 6. Februar 1922 in San José, Costa Rica; † 16. Juni 1978 in East Hampton, New York) war eine chilenische Bühnen- und Fernsehschauspielerin. Von 1951 bis zu ihrem Tod war sie mit Leonard Bernstein verheiratet.


Wenn ich mich mit Künstlern und ihrem Werk beschäftige, fallen mir fast immer Muse in der Recherche in den Schoss. Oft kann ich dabei drei Arten von Musen unterscheiden:


1. Die Muse, die einem den Rücken frei hält. (Marke Haushälterin, ohne jedmöglichen Einfluss auf die Kunst)

2. Die Muse, die einem motiviert oder diszipliniert bzw beides. 

3. Und die Muse die einem Künstler inspiriert in eine besondere Richtung zu gehen Künstlerisch.

Oft benutzen gerade Musen der zweiten Art die „Waffe“ der Sexualität als Methode Macht auszuüben.

Bevor jetzt alles Woke Menschen aufschreien, gebe ich einen Bespiel für eine KünstlerIN, die eine Muse hat die die erste Kategorie angehört. In dem Film „Tar“ mit Cate Blanchet ist ihre Ehefrau zwar die Konzertmeisterin von Cate die die Dirigentin eines Symphonie Orchester ist.

In House of Cards hat der Hauptcharakter Francis Underwood mit seiner Ehefrau Claire quasi die Prototypische zweite Art der Muse.

Thomas Mann hat sich selber nicht gereicht und sich selber nicht vertraut . Deswegen war seine Frau seine Disziplinierende Muse par excellence.

Es braucht viel um eine Lüge für sich, seiner Frau, seinem Bruder, seinen Kindern und der Welt aufrecht zu erhalten.

Lenny Bernstein hatte keine Muse. Er hatte eine Ehefrau die er wirklich geliebt hat. Ja und das gebt obwohl man Schwul ist und ohne zu lügen.

Seine Ehefrau fast es zusammen:


„Let’s make not excuses,

he didn’t fail me

It’s my own arrogance,

To  think I could survive,

On what he could give.“


Warum schreib ich darüber. Weil ich mich in zwei Punkten in der Darstellung mit Lenny in diesem Film wiederfinde.

Was es für mich bedeutet und damit für auch, nicht zu lügen.  Und das wahrhaftig sein am ende doch einsam macht. Weil es andere überfordert. 

Beispiele von Zitate dazu über ihn waren:


* „When I teach I learn, when I learn I teach!“

* „Er fühlt die Musik anstatt sie zu hören.“

* „nor blessed but cursed with his talents“

* „He enjoyer being famous. He loved to be famous“

* “as a genius it was not easy in the way that es had alwyas the feeling he is not doing enough, he is not living up to his inner standard, whatever that was.“

* „Er hat nichts ausgelassen. Er hat an den Exzess geglaubt.“

* „He couldn’t get enough of life. He couldn’t live enough life, but today he is tried.“

* „You couldn’t resist him, he was irresistible.“


Was all diese Zitate und das Portrait in diesem Film am besten Zusammen fasst, ist die Idee das Lenny ADHS hatte. 

Und das ist die zweite Übereinstimmung. Natürlich bin ich kein Genie wie Lenny, aber durch ihn und sein Leben und durch diesen Film über ihn habe ich mehr über mich gelernt als in vielen anderen Situationen meines Lebens.

20.04.2024

Unverschämtheit

 


Ich finde es fürchterlich Schade, das dies mit Abstand der Langweiligste und langatmigste Film von Woody Allen ist. Zu erster mal mit einer rein Französischen Schauspieler Truppe. Die Hauptdarsteller sind durch den  kanadischen Regisseur Xavier Dolan  bekannt geworden und werden hier weiter unter ihren Fähigkeiten und eingesetzt. Das Drehbuch hat auf jeder Seite es verdient das eine Dramaturg die einfachsten Bausteine für ein spannende Geschichte einfordert. 


Leider habe ich auch seit Jahren keine so schlechte Synchronisation erlebt. Vielleicht weil wir fast ja nur englisch Filme synchronisieren. 


Aber was  man dem Film am meisten vorwerfen muss ist sein unkommentierte Darstellung der Französischen Eliten, das abgeschottet Leben zu Menschen die nicht auf den entsprechenden drei entschiedenen Universitäten waren, bzw reich sind.  Und damit auch der strukturelle Rassismus. 


Allen nimmst diesen Elitärismus schlicht als billige Bühne. 


Es tut mir leid, aber dieser Film ist kein Spätwerk sondern eine Unverschämtheit. 


17.04.2024

Tanz und Flüchtigkeit.





Perfektion ist der Tod der Kunst. Aus Sicht der Kunst ist Perfektion etwas das sowohl auserzählt als auch ausinterpretiert ist.

Dieser Film über den Film Jocker ist das Schlaraffenland für einen Künstler. Das Gegenteil von Perfektion. Diese Doku zeigt uns einen Film, der eigentlich ein Ballet ist. Genauer gesagt ein Improvisiertes Ballet.

Zum einen ein Pas de deux zwischen dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller. Ein Corps de Ballet, das der Hauptdarsteller in sich hat für die Möglichkeiten der Rolle des Jokers. Und das tatsächliche Tanzen des Körpers des Jokers. 

Nichts davon hat ein Drehbuch oder eine Choreografie. Nichts davon muss so sein wie es es, sondern ist so wie es sich ergibt.


Ich schreibe diese Zeilen, weil diese Doku zeigt wie dieser Film entstandenen ist und wie die Art der Zusammenarbeit dafür so entscheidend war.


Diese Art zu Arbeiten und diese Art der Zusammenarbeit wird immer meine größte Sehnsucht sein.


Und diese Interpretation als Inszenierung zeigt uns warum ein Faust, eine Brünnhilde, ein Richard III.  oder halt ein Joker immer wieder neu entdeckt werden kann.


Wer den Film sich erneut ansieht,  kann den Film komplett neu entdecken als Ballet. 


Selten sind wird einem perfektem Film so nahe gekommen. Und gleichzeitig selten so weit von Perfektion entfernt gewesen.


Diese Liebeserklärung für den Film und diese Art der Zusammenarbeit wird immer meine größte Sehnsucht für mich und mein Leben sein.


01.04.2024

Von meiner nie endenden Liebe für Almodovar und seiner Unfähigkeit mit Männern.

 



Was könnte es Schöneres geben, als zwei Kurzfilme von Pedro, die beide seine ersten Arbeiten in Englisch sind. 


Leider leider leider. Sind die beiden Kurzfilme so weit auseinander wie die beiden Enden eins Regenbogens.


Der gewaltige Unterschied ist, das Pedro Frauen verstehe. Männer nicht. So einfach, aber dann doch so entscheidend.


Außerdem ist die Qualität der Texte so ein starker Abfall das es weh tut. In dem Kurzfilm „A human voice“ ist der Text immerhin von Jean Cocteaus Theaterstück La voix humaine.


Nicht falsch verstehen. Beide Kurzfilme sind cineastisch großartig, wenn es um so etwa wichtiges wie Kamera, Ausstattung, Set, Licht und Kostüme geht. Nur die Dramaturgie ist in dem einen Fall auf Weltliteratur Level (the human voice) und der andere Kurzfilm halt nicht.



Und das hat Pedro zu verantworten. Zum einen ist das Casting unausgeglichen. Ethan Hawke spielt Pedro Pascal spielend an die Wand. Aber auch nur weil er in seiner Rolle den klassischen Mann in seiner Beschränktheit „spielen muss“. Das aber dann auch herausragend. Da wo die Rolle Tiefe zeigen könnte, läßt Almodovar jüngerer Schauspieler das als platten Porno zeigen. Pedro Pascal kann aber aus seiner Rolle auch nicht viel machen, weil es pump gesagt eine reine Frauen Rolle, die Almodovar halt mit einem Mann besetzt hat.




  • „Der schwule Regisseur bezeichnete Strange Way of Life als seine „Antwort auf Brokeback Mountain“. 20 Jahre zuvor sollte Almodóvar bei diesem Film Regie führen, lehnte das jedoch ab, weil er nicht glaubte, die Beziehung der beiden Männer „animalisch“ genug darstellen zu können. Die Regie übernahm schließlich Ang Lee. „ (Wiki)


Das ist eine freundliche Untertreibung. Wer erleben will was es bedeutet Männern im Umgang miteinander zu erleben, bei dem der Regisseur weiß, wovon er spricht und alle Schattierungen aus einer männlichen Beziehung auch ausloten kann (wenn auch unter Brüdern) sollte sich folgende Film (Raymond & Roy) anschauen, auch mit Ethan Hawk. Ich kann es nur empfehlen.



The Human Voice




  • The Human Voice (spanisch La voz humana) ist ein spanisch-amerikanischer Kurzfilm des Regisseurs Pedro Almodóvar aus dem Jahr 2020. Er basiert auf dem Theaterstück La voix humaine von Jean Cocteau.[1] Tilda Swinton spielt die Hauptrolle und einzige Rolle. Es ist Almodóvars erster Film in englischer Sprache.
  • Pedro Almodóvar sagte über seinen Film „The Human Voice ist eine moralische Lektion über das Begehren, auch wenn die Protagonistin hier am Rande des Abgrundes steht. Wer sich auf die Abenteuer des Lebens und Liebens einlässt, setzt sich zwangsläufig diesem Risiko aus. Der Schmerz ist in ihrem Monolog ständig spürbar. Es bleibt die Orientierungslosigkeit und die Verzweiflung zweier verlassener Lebewesen.“  (Wiki)


Ich habe den Film in 2021 schon gesehen gehabt. Deswegen hier meine Gedanken von damals.


Nerd Alarm!


Hier geht es um einen 30 minütigen  Kurzfilm. Den ersten englischsprachigen Film von Pedro Almodóvar basiert auf Jean Cocteaus Theaterstück La voix humaine. Er erzählt von einer Frau, die vergebens auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet, der sie verlassen hat. Und das seit drei Tagen. Zurückgelassen hat er nur Gepäck und einen Hund, der sein Herrchen schmerzlich vermisst.


Diese Frau spiel Tilda Swinton. Oder besser gesagt gibt die Göttin uns ein schauspielerisches Geschenk, das wie Ambrosia  herkommt. Und das ist keine Ironie, sondern pure Bewunderung. 


Dieses Schauspielerisches Genie trifft auf auf die komplette filmische Welt von Pedro A. 


Man sieht sie 30 Minuten mit ihrem vermeidlichen Ex über die Trennung sprechen.  Und dabei zieht ihr Charakter alle Möglichkeiten einer Frau um ihn umzustimmen. Unterwürfigkeit, Angriff, Selbstmord und und und.


Pedro A. lässt dies in einer Wohnung spielen die man als Cineast sofort als eine Predo Welt erkennt. Und dabei geht er wie oft bei ihm um Kino im Kino. Nur diesmal sehen wir wie die Räume der Wohnung in einer Filmhalle als Filmkulisse stehen.


Im Gegensatz zu Cocteau holt er den Charakter von Tilda aus dem Emotionalen Gefängnis einer verlassenen Frau. Zum einen weil sie die Kulissen abbrennt und das Studio am Schluss verlasst. 


Zum anderen weil sie nach drei Tagen vergeblichen warten, Tabletten nimmt und wie gar nicht wissen, ob das Telefonat wirklich stattgefunden hat oder sie alles nur geträumt hat, bevor sie stirbt. 


Spannend ist das Cocteau ein Schwuler Mann ist dem als Regisseur vorgeworfen wurde weibliche Schauspielerinnen keine Freiheit zu geben. Und Pedro als das genaue Gegenteil gilt. 


Alles zusammen ein cineastisches Paradis. 


Nerd-PS 1: dieses Stück hat Pedro in drei seiner Film als Stücke auf der Bühne genützt. Und Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs hat sein erzählerisches Grundkonzept  von dem Theaterstück von Cocteau.


Nerd-PS 2: aus Zeit Gründen konnte keine neue Filmmusik gemacht werden, sondern es wurden aus drei Pedro Filmenmusiken Adaptionen zu einer neuen gemacht.


Nerd-PS 3: Das am Anfang des Filmes das Buch „Frühstück bei Tiffany“ von Truman Capote gezeigt wird und es nur sehr wenige Koffer gibt, gehe ich davon aus das es sich nicht um ein klassisches Paar dreht, sondern das „ihr“ Freund ein Hustler ist.


Nerd-PS 4: Auch wenn Jean Cocteau dieses Stück speziell für Frauen geschrieben hat, hat er doch ganz offensichtlich seine Beziehung mit Jean Marais als Vorlage genommen. Also das gemacht was Pedro Almodovar andersherum mit der Rolle für Pedro Pascal gemacht hat.


Nerd-PS 5: Wer zu faul ist, ins Kino zu gehen oder einfach kein Geld ausgeben will, kann sich das Gleiche auch umsonst ansehen auf YouTube. Allerdings mit Ingrid Bergmann.Sie legt der Schwerpunkt weniger auf die Härte und mehr auf das Melodram, anbei der Link.